Rezension : Berliner sein ist täglich anders

Der Westberliner Autor Bernd Cailloux schreibt über die Möglichkeiten, in der Hauptstadt anzukommen. Und warum man sich in Berlin nicht heimisch fühlen kann.

Bettina Koller

BerlinEin Buch, das den Titel "Der gelernte Berliner" trägt, in der U-Bahn zu lesen, erfordert einen gewissen Mut. Mitfahrende könnten glauben, dass der Leser ein Tourist ist oder, für viele fast genauso schlimm, ein Zugezogener. Das Gefühl, sich fremder als gewünscht zu fühlen und dabei ertappt zu werden, kennt auch Bernd Cailloux.  Dabei lebt der Autor schon seit den 70er Jahren in Berlin. Bereits 1991 hat er einen Band mit dem Titel "Der gelernte Berliner" herausgebracht, nun sammelte er erneut seine Eindrücke. Und seine Schilderungen zeigen, dass er sich fremd fühlt im wiedervereinten Berlin - erneut.

Das hat seinen Grund: Cailloux berichtet vom Leben in einer sich kontinuierlich verändernden Metropole. Die Identität eines Westberliners, kurz vor dem Fall der Mauer, die trägt er immer noch in sich. Er spricht von der Zeit des Mauerfalls und bemerkt, dass er damals mit seinem Wohnort Westberlin "London und New York näher sein wollte, als Leipzig und Brest".

Zwangseingliederung von Schöneberg

Nostalgisch führt er uns in ein dreigeteiltes Deutschland: Da war der Osten, der Westen und vor allem war da Westberlin. Cailloux schreibt einen Zeitzeugenbericht über sein Westberlin vor der Wende. Das gestaltet er nicht ganz so poetisch wie Katja Lange-Müller in "Böse Schafe" über das Westberlin der 80er. Dafür sind Cailloux Schilderungen wehmütiger und reichen weiter in die Gegenwart. Und heute haben "... sich die Motive fürs Hiersein verflüchtig(t)." Der Exotenstatus geht verloren, der Westberliner ist plötzlich ein stinknormaler Bundesbürger.

Neben der Veränderungen seit der Einigung greift der Autor in seinem Erzählband die Neustrukturierung der Kieze nach der Wende auf: Cailloux sieht Schöneberg noch als "Geisteshaltung", experimentell, offen, künstlerisch - und jetzt dazu gezwungen, sich mit einem kleinbürgerlichen Tempelhof zu vereinen. Sehr, sehr lange spricht er dabei von eigenen Erfahrungen mit den Ämtern und den Schwierigkeiten, die ein Schriftsteller beim Ansuchen um Wohngeld hat.

Schwachpunkt des Buches

Mit diesen Schilderungen driften die Erzählungen allzu sehr ins Spezielle ab und verlieren dadurch für den Leser an Nachvollziehbarkeit. Der Autor berichtet bei den Schwierigkeiten sich in einem Berlin zurechtzufinden, das sich immer wieder neu erfindet, zu detailliert aus seinem Leben. Zu ausführlich erfährt man von seiner ganz persönlichen Mediennutzung, sowohl sein Fernsehverhalten als auch sein Printkonsum werden durchgehechelt; daneben wie es sich anfühlt, 50 zu werden und immer noch in Kneipen zu gehen, etc. pp.

Darüber hinweghelfen kann freilich, dass Cailloux die Fähigkeit besitzt, zwischenmenschliche Situationen exakt und aus dem Leben gegriffen zu beschreiben. Seine Formulierungen sind so ausgereift und ausdrucksstark, dass sie dem Leser bisweilen über lange Schwafeleien hinweghelfen. Oft, aber leider nicht immer.

 

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