Riesen in Berlin : Schuhgröße 237

Großartig: Die Gruppe Royal de Luxe probt im Flughafen Tempelhof den Auftritt ihrer Riesen. Am 2. Oktober soll der erste Riese am Roten Rathaus auftauchen. Es wird vielleicht das größte Spektakel seit Christos Reichstagsverhüllung.

Sebastian Leber
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Im Juni bewegten sich die Riesen durch Nantes. -Foto: Pascal Victor / ArtComArt

Wie perfekt die Illusion wirklich ist, begreift man erst, wenn die Riesen vor einem stehen, sagt Astrid Schenka. Wenn sie sich bewegen, den Kopf drehen, blinzeln. Wenn der Mann im Taucheranzug einen Fuß vor den anderen setzt. Mit Schuhgröße 237.

Zwölf Tage sind es noch, bis die französische Künstlergruppe „Royal de Luxe“ ihre überdimensionalen Figuren durch Berlin führt. Es wird ein öffentliches Spektakel, vielleicht das größte seit Christos Reichstagsverhüllung, doch für Vorfreude bleibt Astrid Schenka, der Projektkoordinatorin der Berliner Festspiele, keine Zeit. Die Mitglieder von Royal de Luxe sind bereits in der Stadt, jeden Morgen treffen sie sich in Tempelhof in einem abgeriegelten Flughafen-Hangar. Keiner darf ihnen beim Proben zusehen, keiner soll mitkriegen, wie sie die Einzelteile der Holzfiguren zusammenschrauben. Das würde die Illusion zerstören, heißt es.

Die Riesen kommen
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1 von 11Foto: Pascal Victor/ArtComArt
21.09.2009 20:27Riesig. Die Riesen kommen nach Berlin. Das braucht einige Vorbereitung. Hier wird einer der Figuren der letzte Schliff verliehen....

Royal de Luxe sind schon in Frankreich und Großbritannien aufgetreten, in Island, Kamerun, Chile. Normalerweise verraten sie vorher keine Details, sagen nur: „In den nächsten Tagen könnte hier etwas passieren.“ Diesmal gibt es einen ungefähren Zeitplan: Am 2. Oktober soll der erste Riese – eine fast acht Meter hohe Figur in Mädchengestalt – am Roten Rathaus auftauchen, sich dann Richtung Westen bewegen, rüber zum Bebelplatz und Gendarmenmarkt, immer begleitet von mehreren Dutzend Helfern. Die müssen an Flaschenzügen ziehen, um die einzelnen Glieder zu bewegen. So kann das Mädchen tanzen, Kniebeugen machen, die Augen rollen, mit seiner Zunge an Eis lecken, gerne auch alles gleichzeitig.

Am nächsten Tag wird sich ein zweiter Riese im Taucheranzug aus dem Humboldthafen am Hauptbahnhof erheben. Gegen Abend treffen sich beide am Brandenburger Tor, und die kleinere Figur läuft durch das Tor rüber zur größeren. Sie passt gerade so durch.

Ausgedacht hat sich das Jean Luc Courcoult, Gründer und Kreativkopf von Royal de Luxe. Astrid Schenka hat ihn in den letzten Monaten fünf Mal durch Berlin geführt, um geeignete Wegstrecken zu finden. Der Mann sprudele vor Ideen, sagt sie. „Er hat sich eine tolle Naivität und Kindlichkeit bewahrt.“ Manche Wünsche mussten sie ihm ausreden: Am Brandenburger Tor fiel Courcoult etwa auf, dass die Pferde der Quadriga Richtung Osten schauen, mit dem Hinterteil gen Westen. Zum Ausgleich wollte er vier Pferde danebenstellen, die in die entgegengesetzte Richtung schauen. Und zwar echte.

Courcoult wollte seine Riesen auch durch die Kastanienallee in Prenzlauer Berg laufen lassen, an den Cafés und Bars vorbei. Dafür hätte man vorher alle Tram-Oberleitungen abmontieren müssen. Er hat es irgendwann eingesehen.

Zuletzt waren die Riesen im Juni in den Straßen von Nantes unterwegs, dort hat Royal de Luxe sein Hauptquartier. Astrid Schenka war da und hat die Puppen zum ersten Mal in Aktion erlebt: Ein Riese schlief morgens in einem übergroßen Liegestuhl, dann blinzelte er, wachte auf. Sehr bewegend sei das gewesen. Auch in Berlin wird man einen Riesen schlafen sehen können, in der Nacht zum 3. Oktober auf der Museumsinsel. 

Tagsüber muss die Polizei helfen, Straßenabschnitte sperren, Parkverbote durchsetzen. Die Feuerwehr stellt Schläuche bereit, um die Riesen nass zu spritzen. Sie sollen duschen. Am 4. Oktober werden sie die Stadt wieder verlassen, nach einer Parade über die Straße des 17. Juni steigen sie an der Moltkebrücke auf ein Schiff. Aber vielleicht wird sich die Route auch kurzfristig ändern, das kommt bei Royal de Luxe öfter vor, sagt Astrid Schenka. Das Faszinierende sei, dass der Zuschauer nur die Riesen wahrnehme, nicht aber die Tragekonstruktionen, Seilzüge und Helfer. 30 Mitarbeiter sind nötig, um einen Riesen eine Minute lang zu bewegen. Gerade versucht Schenka, sich die Gesichter der Helfer einzuprägen. „Ich frage: Und wer bist Du? Und kriege Antworten wie: Ich bin Team kleine Riesin, linkes Bein.“ 

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