Stadtleben : Ritter wider den blauen Dunst

Dietrich Masteit kämpft seit 30 Jahren gegen das Rauchen. Das Verbot kommt nun zu seinem 85. Geburtstag

Stefan Jacobs

Dietrich Masteit hat sich das Rauchen als Soldat im Schützengraben angewöhnt. Nachdem er es sich wieder abgewöhnt hatte – dreimal insgesamt –, saß er für die SPD im Abgeordnetenhaus, aber in gewisser Weise auch wieder im Schützengraben. Von dort aus nahm er die Raucherlobby unter Feuer. Und sie ihn. Oder, wie es Masteit mit dem Abstand von 30 Jahren ausdrückt: „Ich war nicht unbedingt der Beliebteste.“ Gemerkt hat er das zum Beispiel daran, als er über Monate allerlei Zeug nach Hause geliefert bekam, das er nicht bestellt hatte: Die Post brachte den ersten Band einer Kochrezeptserie – verbunden mit der Aufforderung, sich auf die 24 weiteren Folgen zu freuen. Die Bank bewilligte ihm einen Kredit, den er nicht beantragt hatte. Handwerker ließen sich nur mit Mühe davon abbringen, ihm einen neuen Heißwasserboiler zu installieren. Wer ihm all das verschafft hat, konnte Masteit nie klären. Aber dass es ein militanter Raucher war, scheint ihm die einzig plausible Erklärung.

Rechtzeitig zu seinem 85. Geburtstag im Januar tritt das Nichtraucherschutzgesetz in Kraft. Die Krönung seines Lebenswerks? „Nicht ganz“, sagt Masteit. „Der Schutz nichtrauchender Partner und von Kindern in der Familie fehlt noch.“ Aber weil der sich kaum vorschreiben lasse, sei das Gesetz insgesamt schon in Ordnung – auch mit seinen Ausnahmen. Hauptsache, die Raucher blieben in ihrer Schadstoffwolke unter sich.

Als der hauptberufliche Volkshochschuldirektor Masteit sich gegen den Dunst zu profilieren begann, Anfang der 70er, galt Rauchen eher als Belästigung denn als Gesundheitsgefährdung. In den Oberdecks der BVG-Busse ließ sich das Verbot schon 1974 durchsetzen. Bei der in Raucher- und Nichtraucherwagen aufgeteilten U-Bahn wurde es schon schwieriger. Nach dreijährigen Debatten konnte Masteit die Sache mit einer Kleinen Anfrage an den Senat abkürzen: Als herauskam, dass die Kippenbeseitigung die BVG 250 000 Mark pro Jahr kostete, stand die Mehrheit im Parlament.

Damit war Masteit seine kleinere Sorge los – und konnte sich seiner größeren widmen: Dem Gequalme in endlosen Ausschuss- und Fraktionssitzungen. Parlamentspräsident Peter Lorenz als Hausherr ließ ihn abblitzen. Ein von Masteit angezettelter Rechtsstreit endete auf Vorschlag des Oberverwaltungsgerichts mit einem Vergleich: Geraucht werden dürfe nur noch, wenn niemand etwas dagegen habe. Fortan meldete sich Masteit also zu Beginn jeder Sitzung mit einem Antrag zur Tagesordnung. „Bevor ich etwas gesagt habe, applaudierten die einen und buhten die anderen“, erzählt er, „die wussten ja, was kommt“. Dann habe es etwa eine Viertelstunde gedauert, bis sich der erste CDUler eine angesteckte. Woraufhin es auch für die Sozis kein Halten mehr gab.

Nachdem Masteit 1981 ausgeschieden war, scherte sich lange niemand mehr um das Thema. Erst Ende der 80er, „als spätabends bei den Haushaltsberatungen die Raucher längst in der Kantine saßen und die Ersten schon was getrunken hatten“, wurde das parlamentarische Rauchverbot halb nebenbei und vielleicht eher versehentlich beschlossen.

Gerade hat Masteit die 477. Ausgabe seines qualmfreien Preisskats im Olympiastadion hinter sich gebracht. Er war zehn Jahre lang stellvertretender Vorsitzender des Nichtraucherbundes und Ausrichter des ersten qualmfreien Silvesterballs in der Stadt, den er und seine Frau zehn Jahre lang in der Deutschlandhalle veranstalteten. Seine Leidenschaft fürs Nichtrauchen hat die beiden inzwischen auch mehrere tausend Euro gekostet: Jedem Kind, das bis zum 18. Geburtstag nicht raucht, bezahlen sie den Führerschein. Bei den beiden Söhnen war das unproblematisch, der von der Tochter ersatzweise gewählte Tanzkurs ging auch in Ordnung, aber jetzt werden die Enkel volljährig. Stefan Jacobs

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