Romy Schneider : Die Spaziergängerin vom Koenigssee

In Berlin stand Romy Schneider erstmals vor der Kamera, drehte sie ihren letzten Film. Hier heiratete, wohnte und feierte sie Das Testament der Schauspielerin liegt bis heute im Amtsgericht Schöneberg. Am 23. September wäre sie 70 Jahre alt geworden.

Andreas Conrad
Romy Schneider
Turteltäubchen. Romy mit Horst Buchholz auf der Berlinale 1957. -Foto: dpa

Zum ersten Mal geschminkt! Komisches Gefühl: „Mir war so, als hätte man mein Gesicht in Zellophanpapier eingepackt.“ Der 2. September 1953 war für die Internatsschülerin Rosemarie Albach der Wendepunkt zur gefeierten Schauspielerin, denn auch wenn sie sich noch nicht so nannte: An diesem Tag, als sie in den ehemaligen Ufa-Studios an der Tempelhofer Oberlandstraße für Probeaufnahmen zum ersten Mal vor der Kamera stand, wurde sie zu Romy Schneider. „Entsetzlich“ sei ihr zumute gewesen, schrieb die knapp 15-Jährige am Abend ins Tagebuch, sie habe geglaubt, schrecklich zu schwitzen, was „nur Einbildung“ gewesen sei. Es wurde ja auch alles gut: „Fein, Romychen, fein haste det jemacht“, habe Herr Deppe, der Regisseur, sie gelobt.

Am Dienstag wäre Romy Schneider, die 1982 in Paris an Herzversagen starb, 70 Jahre alt geworden – ein Tag, der gerade in Berlin viele Erinnerungen an die Schauspielerin wiederaufleben lässt. Hier entstanden die ersten Probeaufnahmen, hier drehte sie mehrere Filme, auch ihren letzten, „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“. Und im Privatleben spielte die Stadt ebenfalls eine Hauptrolle, nicht immer unter einem guten Stern, wenngleich sie rückblickend schrieb: „Ich habe dort die drei schönsten, glücklichsten Jahre meines Lebens verbracht.“

Sie mit einer großen Straße, einem Platz zu ehren, ist Berlin Romy Schneider schuldig geblieben, nur in Haselhorst wurde 1997 eine Privatstraße nach ihr benannt, wohl wegen der Nähe zu Artur Brauners CCC-Studios, mit dem sie befreundet war und der drei ihrer Filme produziert hatte, darunter „Mädchen in Uniform“ (1958), ihren ersten in Berlin gedrehten Film. Zu ihrem Debüt „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ waren nur die Probeaufnahmen hier entstanden, gedreht wurde in Wiesbaden.

Romys graues Kostüm aus „Mädchen in Uniform“ hängt immer noch auf einer Berliner Kleiderstange, im Fundus des Filmausstatters „Theaterkunst“ in der Wilmersdorfer Eisenzahnstraße, der bei drei Filmen dabei war. Man wird das Kleid wohl im Filmmuseum am Potsdamer Platz besichtigen können, wenn dort 2009, später als zunächst angekündigt, eine Romy-Schneider-Schau eröffnet wird. Ein mühsames Geschäft, da es keinen geordneten Nachlass gebe, wie Kuratorin Daniela Sannwald die Lage umreißt. So muss sie sich die Schaustücke hier und da zusammensuchen, die Archive des Museums geben nicht viel her. Fotos gibt es immerhin genug, dazu Korrespondenz, mit Gert Fröbe oder dem Hollywood-Agenten Paul Kohner. Auch in den von der Akademie der Künste verwalteten Nachlässen gibt es einiges, und vielleicht gelangt ja aus dem Amtsgericht Schöneberg das am 10. Mai 1983 in Zürich geschriebene, hier hinterlegte Testament in die Ausstellung: „Ich bitte, alles, was ich – Romy Schneider –, besitze,: an Laurant Pétin und meine Tochter Sarah zu überweisen – , – ich meine: es ist, nochmals gesagt, mein Testament – all mein Besitz, gehört, ist bestimmt für MR. Laurent Pétin und Sarah! Dies ist mein Wille meine Entscheidung – und bleibt. Romy Schneider." Die Zeilen zeugen ebenso von der labilen Seelenlage Romy Schneiders kurz vor ihrem Tod wie auch von völliger Fehleinschätzung ihrer finanziellen Lage. Zu erben war für ihren letzten Lebensgefährten und die aus zweiter Ehe stammende Tochter kaum noch etwas.

Die Hochzeit mit ihrem Sekretär Daniel Biasini hatte am 18. Dezember 1975 im Hotel Gerhus in der Brahmsstraße stattgefunden, dem heutigen Schlosshotel im Grunewald. Vergeblich harrten damals viele Berliner vor dem Standesamt Friedenau der Ankunft des Brautpaares. Da die Schauspielerin Fieber hatte, war der Standesbeamte ins Hotel gekommen.

Grunewald war schon für ihre erste Ehe mit Harry Meyen, Star des Berliner Boulevardtheaters, die wichtigste Adresse gewesen. Im Sommer 1966 hatte das junge Paar im südfranzösischen St.-Jean-Cap Ferrat geheiratet, bereits am 3. Dezember wurde im Weddinger Rudolf-Virchow-Krankenhaus ihr Sohn David Christopher geboren. Nun wohnte die Kleinfamilie in einer gemieteten luxuriösen Vier-Zimmer-Wohnung in der Winkler Straße 22, und die junge Mutter schob den Kinderwagen an den Ufern von Diana- und Koenigssee entlang.

Gefunkt hatte es zwischen Romy und dem verheirateten Regisseur am 1. April 1965, dem Tag, als das Europacenter eröffnet wurde. Hans Herbert Blatzheim, glamoursüchtiger Gastronom und Stiefvater der Schauspielerin, betrieb dort eine ganze Reihe von Restaurants, hatte die ihm gegenüber eher distanzierte Romy beschwatzen können, aus Paris zur Feier zu kommen. Doch so stürmisch die Leidenschaft zwischen der schönen Romy und dem flotten Harry auch begann – nach der Hochzeit und der Geburt des Sohnes verläpperte sich die Liebe. 1975 wurde die schon lange zerrüttete Ehe geschieden.

Schon vor und auch nach der denkwürdigen Europacenter-Feier war Romy Schneider in Berlin ein vielbejubelter Partygast, bei Filmfestspielen, Filmbällen, Premieren. Das Savoy-Hotel in der Fasanenstraße und das heute als Altersheim genutzte Hotel am Steinplatz waren ihre bevorzugten Adressen, letzteres wurde in den Siebzigern sogar zum Schauplatz eines handfesten, in der Boulevardpresse genüsslich ausgebreiteten Skandals. Romy Schneider war damals dem Schaubühnen-Star Bruno Ganz überaus zugetan, den aber, als er sie einmal morgens um sechs besuchen wollte, der Portier abwies. Eine unschöne Szene folgte, das Glas der Eingangstür ging zu Bruch – später einigte man sich außergerichtlich.

Wiederholt kam Romy Schneider auch zu Dreharbeiten in die Stadt, etwa 1966 zu „Schornstein 4“ oder zehn Jahre später zu der Böll-Verfilmung „Gruppenbild mit Dame“, die ihr den Bundesfilmpreis in Gold eintrug, den sie aber, erneut schwanger, nicht selbst aus Berlin abholte.

Auch ihr letzter Film, „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ – der Titel zielt auf ein Emigrantenlokal im Paris der späten dreißiger Jahre – entstand in Berlin. Fast wäre er nicht mehr zustande gekommen: Erst wurde Romy Schneider im Frühsommer 1981 eine Niere entfernt, dann starb einen Monat später ihr 14-jähriger Sohn David Christopher. Er war beim Überklettern eines schmiedeeisernen Zaunes abgerutscht und hatte sich aufgespießt.

Romy Schneider zog sich zurück, war unerreichbar, schon wollte der französische Partner das Projekt kippen, aber Artur Brauner wehrte sich, ließ die Kulissen stehen, bestand darauf, vor einer Entscheidung mit Romy zu sprechen. Irgendwann rief sie ihn an: „Artur, ich werde wahnsinnig. Ich muss arbeiten, ich will den Film machen.“ So wurden die Figuren der Elsa und der Lina zu den letzten Rollen Romy Schneiders. Man schirmte sie bei den Dreharbeiten völlig ab, den Film widmete sie dann im Abspann David Christopher und seinem Vater Harry Meyen, der sich 1979 das Leben genommen hatte. Und wenn sie auch bei der Arbeit diszipliniert war wie gewohnt, muss sie der Schmerz fast zerrissen haben: Ihr Filmpartner Wendelin Werner, der jüdische Junge Max, den die Emigrantin Elsa in Paris wie eine Mutter betreut, war fast im gleichen Alter wie ihr so tragisch ums Leben gekommener Sohn. Die Tränen, die sie vor der Kamera vergoss, waren nicht gespielt.

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