Rudi Dutschkes Witwe : Gretchen kehrt zurück nach Berlin

Rudi Dutschkes Witwe lebt wieder in Berlin und ist ab heute im Kino zu sehen. Die Videoinstallation "Gretchen Dutschke und ihre Kinder 1985/2008" von Michaela Buescher und Gerd Conradt wird auf dem Filmfestival "Achtung Berlin" gezeigt.

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Neue Heimat Lichterfelde. Dutschke wohnt jetzt in einer Stadtvilla.
Neue Heimat Lichterfelde. Dutschke wohnt jetzt in einer Stadtvilla.Foto: Thilo Rückeis

Warum sind Elefanten immer nur langweilig grau? Das muss doch nicht sein: Ein Mausklick nur, schon überzieht ein Gitter aus Gelb, Blau und Pink die Runzelhaut, oder auch – klick – eines aus roten Kreisen. Nur dauert das ein wenig: „Der Computer ist so langsam“, klagt Gretchen Dutschke und gibt dem Besucher schon neue Anweisungen fürs Farbenspiel. Zum Ostereiersuchen zum Beispiel, das mag ihre fünfjährige Enkelin besonders gern, für die vor allem sie die schon vor Jahren von ihr gestaltete Webseite www.webforgirls.net erweitert hat – eine Spielwiese im Internet für kleine Mädchen.

Eine hübsche Fingerübung, vielleicht nicht große Videokunst, soll es ja auch nicht sein. Nichts, was der Videoinstallation „Gretchen Dutschke und ihre Kinder 1985/2008“ von Michaela Buescher und Gerd Conradt irgendwie gliche, die ab diesen Donnerstag auf dem Filmfestival „Achtung Berlin“ zu sehen ist, mit Rudi Dutschkes Witwe als Premierengast. Sie hat es ja auch nicht mehr so weit, lebt seit einem halben Jahr wieder in Berlin, ihr erster längerer Aufenthalt in der Stadt seit den späten Sechzigern, als sie nach dem Attentat auf ihren Mann mit ihm und den drei Kindern nach Århus in Dänemark zog.

Aber das ist Geschichte, den Campingwagen, in dem sie jahrelang immer im Sommer dort lebte, musste sie verschrotten: Schimmel hatte sich unbemerkt eingenistet. Und ihr Haus in den USA hatte sie schon vor vier Jahren verkauft, lebte danach zur Miete, immer zwischen Amerika und Dänemark pendelnd, wohl wissend, dass sie sich irgendwann entscheiden müsse, wo sie denn nun leben wolle. Schließlich ist sie jetzt, 1942 in den USA geboren, eine echte Achtundsechzigerin. Über eine Freundin fand sie Kontakt zu der Wohngemeinschaft in Lichterfelde, die ihr zwei Zimmer überließ – in einer gutbürgerlichen Stadtvilla, doch mit vielen Anti-Aufklebern an der Haustür. Das Klingelschild zeigt ihren Mädchennamen, auch auf der Visitenkarte stellt sie sich als „Gretchen Klotz, Writer“ vor.

Wahrscheinlich, vermutet sie, haben ihre Eltern, Amerikaner mit deutschen Wurzeln, gar nicht gewusst, dass Gretchen ein deutscher Kosename ist. Aber er passt zu der gern lachenden, noch immer mädchenhaften, zierlichen Frau, die von dem imposanten, doch weitgehend leeren Bücherregal an der Wand bei Weitem überragt wird. „Das ist alles noch in Amerika eingelagert“, erzählt sie. Warum aber Berlin nach so vielen Jahren? Die Alternative sei Dänemark gewesen, dort in Århus leben zwei ihrer Kinder, der zweite Sohn aber in Berlin. Und hier ist es nun mal „100 Mal so viel interessanter“, sagt sie mit ihrem beharrlichen amerikanischen Akzent. Auch kenne sie hier viele Leute, wenngleich die Stadt selbst für sie nicht wiederzuerkennen gewesen sei: „Es sieht alles anders aus, es könnte eine andere Stadt sein.“ Auch für den Kurfürstendamm gelte das. Die Stelle, wo auf Rudi geschossen wurde – alle Gebäude von damals seien weg, nur an der Plakette auf dem Gehweg sei es noch zu erkennen. Dennoch, für sie ist dieser Ort „schon ein bisschen schwierig“.

In Dänemark hat sie sich nicht mehr richtig wohlgefühlt. Langweilig sei es dort, sogar reaktionär. Berlin dagegen, wo ihnen damals so viel Aggressivität entgegenschlug, erlebt sie jetzt als eine Stadt „mit viel freundlicherer Atmosphäre, nicht mehr dieser Verbissenheit“, ja, „die Leute scheinen glücklicher zu sein“. Nur die Studenten versteht sie nicht: Rohstoffausbeutung, Klimawandel, das Auseinanderdriften von Arm und Reich – das sind für sie die Herausforderungen der Zeit, die Proteste gegen die Studiengebühren kommen ihr dagegen irrelevant vor.

In der Installation auf dem Festival spielt all das keine Rolle. Die Videokünstler hatten Gretchen Dutschke 1985 interviewt, anderthalb Stunden Material waren entstanden. Für eine Ausstellung 2009 in Karlsruhe wurde das alte Material auf 15 Minuten konzentriert, dann einzeln Gretchen und den Kindern vorgeführt, vor laufender Kamera. Daraus entstand die Installation: fünf Monitore, auf einem das Original, auf den anderen jeweils Mutter oder eines der Kinder, meist zuschauend, dann wieder kommentierend, ein Familienporträt in der Endloschleife.

Videoinstallation in der Galerie Oval im Babylon Mitte, Eröffnung heute, 18.30 Uhr, mit Gretchen Dutschke-Klotz, die auch morgen um 18.30 Uhr im Filmtheater am Friedrichshain ist. Dort wird ein Film über das Gretchen-Projekt gezeigt.

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