Saugutes Kino : Kurzfilmfestival zeigt das Beste der Szene

Von Animation bis zu Komödie: Die Interfilm ist nach der Berlinale das zweitgrößte Filmfestival Berlins. In der Volksbühne werden 350 Filme aus 58 Ländern gezeigt.

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Mit vorgehaltener Pistole befiehlt die demente Großmutter: An den Christbaum kommen Hakenkreuz-Kugeln und der Hitlergruß-Engel. Sie will Weihnachten wie früher feiern. Was passiert, wenn die Tochter dann einen jüdischen Freund mit nach Hause bringt, zeigt der Kurzfilm „Der kleine Nazi“. Mit der Komödie will die Berliner Regisseurin Petra Lüschow den deutschen Wettbewerb beim Kurzfilmfestival „Interfilm“ gewinnen. Das beginnt am heutigen Dienstag zum 26. Mal.

Die Interfilm ist nach der Berlinale das zweitgrößte Filmfestival Berlins. Aus mehr als 5200 Einsendungen haben die Veranstalter 350 Filme aus 58 Ländern ausgewählt. Bis Sonntag erwarten sie in drei Kinos und den Räumen der Volksbühne 13 000 Besucher. Die Berliner unter ihnen bekommen beim Programmpunkt „Berlin Beats“ (Donnerstag im Passage Kino, Sonnabend im Roten Salon, jeweils 21 Uhr) einen anderen Blick auf ihre Stadt. „Little Big Berlin“ zeigt den Ostteil, als wäre er eine Modellbahnlandschaft. Die Collage „Berlin spricht“ thematisiert anhand von Street Art aktuelle Themen wie Gentrifizierung.

Aktuell ist auch das Thema Nazi-Zeit, sagt die Berlinerin Lüschow. Das Thema werde von vielen über Generationen hinweg verdrängt. In „Der kleine Nazi“ (unter anderem am Sonntag um 17 Uhr, Passage Kino) zeigt sie, wie eine Familie partout nicht für Nazis gehalten werden will, einen Juden aber dennoch wie eine unerwünschte Person behandelt. Das 13-minütige Regiedebüt Lüschows, die schon Drehbücher für die TV-Serie „Der Bulle von Tölz“ oder das Krimidrama „Tannöd“ schrieb, ist politisch inkorrekt und beißend ironisch. Allein für den Nazi- Weihnachtsbaum musste eine Mitarbeiterin zwei Tage lang Hakenkreuze auf Christbaumkugeln pinseln. „Den Schmuck haben wir nach dem Dreh umso vorsichtiger entsorgt“, lacht Lüschow.

Die Interfilm widmet sich dieses Jahr besonders den Ländern Irland und Indien, und das jenseits von Säufer-Klischees und Bollywood-Grinsen. So zeigt „Kavi“ das Leben eines indischen Jungens, der neidisch auf die unbeschwerte Kindheit anderer blickt, selbst aber in einer Ziegelei die Schulden seiner Eltern abarbeiten muss (Donnerstag, Babylon, 21.30 Uhr). Zu den Höhepunkten gehört auch „Nawéwé“ über den afrikanischen Bürgerkrieg zwischen Tutsi und Hutu (Samstag, 18 Uhr im Central). Ein Missverständnis rettet einem Tutsi-Jungen bei einer Militärkontrolle das Leben. Der Kleine hört auf dem Walkman Musik von U2. Das Militär versteht statt U2 aber Hutu, ist davon begeistert und abgelenkt – der Junge kann flüchten. In China spielt „Babel“, der futuristische, surreale Bilderwelten entstehen lässt, die eindrucksvoll den Kontrast zwischen Dorf und Großstadt zeigen (Sonntag, 20 Uhr im Babylon). Den großen Trend 3D suchen die Besucher dieses Jahr noch vergebens, er soll erst nächstes Jahr mit dabei sein.

Für Kinder läuft parallel das Kinder- und Jugendkurzfilmfestival „Kuki“ bis Sonntag im Filmtheater am Friedrichshain. Dort geht es vor allem um „Natur und Umwelt“. Und um eine dicke, rote Kuh. Die hängt im Animationsfilm „Mobile“, der auch auf der Interfilm gezeigt wird, einsam und von den anderen Tieren ausgeschlossen auf einer Seite eines Mobiles. Dann setzt sie alles in Bewegung, um das zu ändern und manövriert sich actionreich in die Mitte der Gesellschaft. Lachen und Lernen zugleich, abseits von deutscher Kriegsvergangenheit und verkapptem Antisemitismus.

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