Schließung : Hertie ist Geschichte

Keine Chance mehr für Hertie-Schnäppchenjäger: In Schöneberg wurden die Türen um zwölf Uhr dicht gemacht. Auch für die Filiale in Tegel war der Sonnabend der letzte Tag. Damit verschwindet der Name Hertie aus dem Berliner Straßenbild.

Sandra Dassler
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Nichts geht mehr. Hertie in der Hauptstraße ließ die Kunden ab 12 Uhr mittags vor der Tür stehen. Fotos: Steinert, PetersPETERSBILD

Die Frau im Rollstuhl und ihr Begleiter haben alles versucht: An den großen Glastüren des Hertie-Kaufhauses an der Schöneberger Hauptstraße gerüttelt, nach Nebeneingängen in der Tiefgarage geschaut, Verkäufer in der Kaiser-Wilhelm-Passage um Hilfe gebeten – umsonst. Es war kein Reinkommen mehr bei Hertie gestern um zwölf Uhr mittags. Der Geschäftsführer wiegelte alles ab: „Wir haben zu. Es ist nichts mehr da. Auf Wiedersehen.“

Wer nichts mehr verkaufen will oder darf, muss nicht mehr freundlich sein. Die letzten Kunden wurden förmlich hinausbefördert. Zhihui Yu-Kässner beispielsweise, die gerade noch zwei Rollen Geschenkpapier erhascht hatte. „Ich weiß nicht, warum auf einmal alles so schnell gehen musste“, sagte sie . Richtig wütend waren viele Kunden, die vor den geschlossenen Türen des Hertie-Hauses standen, das gestern ebenso wie das zweite noch verbliebene Berliner Hertie-Kaufhaus in Tegel und weitere 19 Häuser in Deutschland, zum allerletzten Mal geöffnet hatte.

Damit endete die mehr als 100-jährige Geschichte des von Hermann Tietz gegründeten Warenhauskonzernes in Berlin. Dessen erstes Berliner Kaufhaus eröffnete 1900 in der Leipziger Straße. Die Abkürzung Hertie entstand während der NS-Zeit, da der jüdische Name Tietz nicht mehr geführt werden durfte.

„Im Radio hieß es, dass in Schöneberg bis 18 Uhr offen ist“, sagte Ismael K., ein Bauarbeiter, der extra aus Potsdam gekommen war: „Ich wollte Schnäppchen machen.“ Felicitas D., die Frau im Rollstuhl, ist keine Schnäppchenjägerin. Die 49-Jährige hat zwei Sträuße Sonnenblumen auf ihrem Schoß liegen. „Ich hab’ sie heute morgen auf dem Winterfeldmarkt gekauft“, sagt sie. „Ich wollte sie den Verkäuferinnen zum Abschied schenken. Viele Ältere werden keinen neuen Job mehr finden.“

Weil sich niemand am Haupteingang sehen lässt, um den Kunden zu sagen, dass hier Schluss ist, bittet Felicitas D. ihren Begleiter, es über einen Hintereingang zu versuchen. Aber selbst der von Claudia Just, einer netten Verkäuferin im Reformhaus Vitalis, benachrichtigte Hausmeister kann nicht helfen. Dabei hätten die Blumen etwas Sonne in die verlassenen Hertie-Räume gebracht. Die Mitarbeiter hatten zuletzt Kartons gepackt und sauber gemacht. Alles sollte besenrein übergeben werden.

Unrühmliches Ende einer Kiezkaufhaus-Geschichte, die für viele Schöneberger Teil ihres Lebens war. „Ich habe hier schon eingekauft, als dies noch Bilka hieß“, erzählt die 55-jährige Monika Emser. Daran erinnert sich auch Anna Fanelli. Die Kunstmalerin, gestern die letzte Kundin bei Hertie, hat noch schnell in der Parfümerie eingekauft: eine Reinigungslotion für 36 statt 45,50 Euro.  „Zwar ist es mit dem Niveau hier schon länger abwärtsgegangen, aber schade ist es doch. Vor allem für die Mitarbeiter. Auch wenn sie in letzter Zeit nicht sehr freundlich waren.“ Eine Belegschaft, die nach dem Auf und Ab der vergangenen Monate keinen Nerv mehr hatte. Für sie und für die Hertie-Angestellten in Tegel sowie für mehr als zweitausend weitere Hertie-Beschäftigte gingen gestern endgültig die Lichter aus.

In der Kaiser-Wilhelm-Passage bangen nun vor allem kleine Händler um ihre Existenz. „Wir hatten viel Laufkundschaft durch Hertie“, sagt Ryszard Pietsch, der eine Schuhreparatur betreibt. „Keine Ahnung, wie es weitergeht.“ Aber noch weiß keiner, wie die Räume des Kaufhauses weiter genutzt werden. Das Hertie-Logo bleibt allenfalls noch auf dem Fahrradständer an der Hauptstraße erhalten.

Felicitas D. hat ein paar ihrer Sonnenblumen der netten Verkäuferin im Reformhaus geschenkt. Und den Rest mit nach Hause genommen.Sandra Dassler

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