Schwimmende Wohnung : Kuscheln in der Kajüte

Überwintern auf der Havel: Manuela Grimm lebt auf ein paar Quadratmetern in ihrem Schiff Schnuppe.

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Planen verhüllen das Segelschiff Schnuppe auf dem Pichelssee. Strom kommt vom Festland, Trinkwasser muss Manuela Grimm in Kanistern herbeischaffen. Duschen geht einfacher: Nur einen Eimer Havelwasser schöpfen.
Planen verhüllen das Segelschiff Schnuppe auf dem Pichelssee. Strom kommt vom Festland, Trinkwasser muss Manuela Grimm in...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Keine Klingel, kein Plattenweg vor der Haustüre: Die letzten Meter zu Manuela Grimms Heim erfordern Fitness und Balancegefühl. Erst in die Gummistiefel rutschen, dann kniehoch durchs Wasser waten auf einem überfluteten, rutschigen Steg und schließlich im Gummiboot noch ein Stückchen hinausschaukeln. Manuela Grimm überwintert auf ihrer Segeljacht am Pichelssee. Selbst bei Schnee, Eis und Kälte ist sie in ihrer Kajüte und Koje zu Hause. „Wie wär’s mit einer Tasse Ostfriesentee?“ fragt die schlanke 37-Jährige mit den blonden Haarsträhnen. Dann kuschelt sie sich in die Kissen am Kajüttisch. „Schnuppe“ nennt sie ihr Schiff. 1977 hat es ein Holländer aus Holz selbst gebaut. Es ging durch mehrere Hände, bis es Manuela Grimm im Sommer 2010 in einer Ebay-Anzeige entdeckte, bei Wilhelmshaven erwarb und über die Weser und Havel nach Berlin brachte.

„Ich hab’ mich gleich total verliebt“, erinnert sie sich. Wie schön „Schnuppe“ ist, wie elegant das Mahagonideck, der geschwungene Bug und das Cockpit mit der langen Pinne aussehen, das kann man zurzeit allerdings kaum erkennen. Manuela Grimm hat Schnuppe eingepackt. Plastikplanen hat sie über ihrem 8,50 Meter langen und 2,85 Meter breiten hochseetauglichen Kahn festgezurrt, um das edle Deck und die Beschläge vor der Witterung zu schützen. Nur einen Durchschlupf ließ sie offen, damit man vom Schlauchboot über die Reling zu Schnuppe hinüberklettern kann.

Als die Ernährungswissenschaftlerin vor fünf Monaten ihre schwimmende Wohnung bezog, konnte sie das Boot über Stege zu Fuß erreichen. Doch seither ist die Havel kräftig angestiegen. Ihre Charlottenburger Wohnung hat Manuela Grimm untervermietet, um sich mal eine Auszeit zu gönnen. Sie lacht. „Andere gehn’ ins Kloster, ich geh’ aufs Segelboot“ – nach etlichen Jahren Job in Berlin. Zuletzt beriet sie krebskranke Frauen in Ernährungsfragen. In den Ferien war sie seit 2002 schon mehrfach auf großen Segelschiffen unterwegs, unternahm Törns auf der Ostsee, im Mittelmeer und in der Karibik. Zugleich machte sie auf der Havel ihren Segelschein. Dabei hat sie sich in ihren Segellehrer und heutigen Freund verguckt, der sie, „so oft er’s schafft“, hier besucht.

„Früher sind die Entdecker mit Holzschiffen zur Antarktis gefahren, da kann ich doch auch mal einen Winter lang hier leben“, sagt sie und zieht den Verschluss der Flanelljacke etwas höher. 18 Grad ist es in der Kajüte, mehr schafft der elektrische Heizlüfter nicht, doch Manuela Grimm hat sich „dran gewöhnt“. Schaffellhausschuhe und Daunendecken gehören zur Standardausrüstung. „Echt tapfer“ kommt sie sich nur morgens vor, beim Duschen mit einem Eimer Havelwasser.

Damit ihr Haushalt auf Schnuppe funktioniert, hat sie ein Stromkabel zum Land gezogen. Trinkwasser wird in Kanistern von der „Osteria del Pescatore“ in Alt-Pichelsdorf herbeigeschafft, schmutzige Klamotten kommen in den Waschsalon, gekocht wird mit Campinggas. Auf dem Tisch liegen Fernglas und iPhone, der Laptop ist aufgeklappt. Neben dem Spiegel in der winzigen Sanitärkabine keimt Rosmarin im Minigewächshaus, Postkarten aus Patmos in Griechenland hat sie neben den bunt gepunkteten Gardinchen des Kajütenfensters an die Wand gepinnt. Sehnsucht nach mediterraner Wärme? Ja, obwohl Manuela Grimm die Stille des Winters auf der Havel genießt. Nur Entenquaken, Regengetrommel, Wind, der an den Planen zerrt, rieselnde Schneeflocken, ab und zu ein Frachter, der vorbeibrummt und Schnuppe ein bisschen hin und her wiegt. Dann in der Koje im Bug liegen, wohin man nur auf Knien krabbeln kann. Mit einem Lieblingsbuch wie damals, als sie noch ein Mädchen war. „Schnuppe ist meine Höhle“, sagt Manuela Grimm. „Das Schiff hat Charakter.“ Da hebt eine Welle die Drei-Tonnen-Jacht an. Sie ächzt und knarrt, als wäre sie lebendig.

Deshalb kümmert sich Manuela Grimm um ihr Boot mit Akribie. Eintrag im Logbuch, 2. Januar: „2 Uhr nachts, Vollmond, 11 Grad minus. Wir gehen gegen Schnuppes Eispanzer vor.“ Pumpen schaffen dazu Wasser vom Grund des Sees nach oben und plätschern es gegen Bug und Heck. Es hat etwa 4 Grad Celsius, weil es aus der Tiefe kommt und taut so das Eis auf. Tanks und Wasserleitungen ihres Schiffes sind dagegen längst geleert, den Motorraum des 30-PS-Diesels hat sie mit Frostschutzmittel gespült.

„Ich freue mich auf den Tag, an dem ich Schnuppe wieder auspacke“, sagt Manuela Grimm. Dann stehen ein Großputz an und ihr endgültiger Umzug aufs Boot. Das Leben auf dem Wasser will sie nicht mehr missen, trotz aller Einschränkungen. Wieder als Ernährungsberaterin freiberuflich arbeiten, Gäste zu Haveltörns mitnehmen und im Sommer übers Meer zu den schwedischen Schären segeln. Das sind ihre Pläne. Ferien auf Saltkrokan wie bei Astrid Lindgren. „Dort würde ich gerne mal Schnuppe festmachen.“

Infos: www.schnuppe-berlin.de, Tel.: 01764-3083683.

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