Schwule in der Türkei : Die Mutter betet noch immer für ihn

Heute zieht die 32. CSD-Parade durch Berlin. Deutschland ist ein Land geworden, in das Schwule auswandern, die in ihrer Heimat nicht offen leben können. Unser Autor erzählt die Geschichte von Kadir, der aus der Türkei kommt.

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Am Samstag zieht die Christopher-Street-Day-Parade durch Berlin. In der Türkei wagen es nur wenige Schwule, sich offen zu ihrer Homosexualität zu bekennen.
Am Samstag zieht die Christopher-Street-Day-Parade durch Berlin. In der Türkei wagen es nur wenige Schwule, sich offen zu ihrer...Foto: ddp

Das Schlimmste waren die Verlobungen und Hochzeiten. Es wurde viel verlobt, als Kadir* ein kleiner Junge war. Es wurde viel verheiratet in seinem Heimatdorf im Südosten der Türkei, wo er in einer kurdischen Familie aufwuchs. Die Verwandten weinten jedes Mal vor Freude. Kadir weinte aus Trauer und vor Wut. Er wusste nicht, warum er so litt, an diesen Tagen, an denen alle strahlten vor Glück. Aber er spürte damals schon, die Wünsche seiner Eltern nicht erfüllen zu können, so wie seine Brüder und Schwestern dies irgendwann tun würden. Dass er schwul ist, ahnte Kadir noch nicht. Wie sollte er auch? Das türkische Wort für Homosexualität, eecinsel, hatte er noch nie gehört.

Im SO36 steigt einmal im Monat eine Party für muslimische Schwule, Lesben und Transvestiten

Samstag, kurz vor zwölf Uhr nachts in Berlin-Kreuzberg. Der Club SO36 ist mit orientalischen Tüchern geschmückt. Die Besucher tanzen zu arabischer Popmusik, ein Beamer projiziert den schneebedeckten Ararat, den höchsten Berg der Türkei, an die Wand. Einmal im Monat findet hier eine Party für muslimische Schwule, Lesben und Transvestiten statt. Kadir sitzt in der Raucherlounge des Clubs. Spitzbärtchen, ausgewaschene Bluejeans, die Haare nach hinten gegelt. 31 Jahre alt ist er und wohnt mit seinem französischen Freund und ihrem gemeinsamen Labrador in einem Zwei-Zimmer-Apartment. „In der Türkei wäre das unmöglich“, sagt er. „Homosexualität gilt als Krankheit, und wer einen Hund hat, gilt als dreckig.“

Kurdisch und schwul, beides wird in der Türkei als Schimpfwort gebraucht

In Kadirs Heimatdorf leben keine jungen Menschen mehr. Sie sind in die türkischen Städte gezogen, oder in die EU, um Arbeit zu finden. Kadir ist nach Deutschland gekommen, weil er vor seinem Vater flüchtete. Und weil er all das ist, was in der Türkei als Schimpfwort gebraucht wird: Kurde, schwul. Weil er gehofft hatte, hier ohne Angst seine Gefühle ausleben zu können und doch erkennen musste, wie schwer es ist, sich als homosexueller Einwanderer in Deutschland zu integrieren.

Ein halbes Dutzend Türsteher wachen vor dem SO36 und beobachten, wer rein will. „8 Euro Eintritt“ und „Keine Fotos“, steht an der Kasse. In Kreuzberg gab es in den vergangenen Jahren zunehmend gewaltsame Übergriffe gegen Homosexuelle, Lesben und Transvestiten. Deshalb zeigen Kadir und sein Freund auf der Straße nicht, dass sie schwul sind. Nicht mehr. „Wenn wir früher Hand in Hand durch den Kiez spazierten, wurde uns nachgeschrien: Fickt ihr euch in den Arsch? Kommt dann Scheiße raus?“ Sie haben nie darüber gesprochen, aber sich irgendwann einfach nicht mehr in der Öffentlichkeit berührt.

An diesem Wochenende wird in Berlin der Christopher Street Day gefeiert. Mit einem bunt geschmückten Wagenumzug erinnern Schwule und Lesbenorganisationen an einen Aufstand gegen die New Yorker Polizei, die im Juni 1969 im Stadtteil Greenwich Village mit brutalster Gewalt Razzien gegen Homosexuelle durchgeführt hat. Das war vor 41 Jahren. Seitdem ist viel Zeit vergangen, viel hat sich verändert. Auch in Deutschland.

Während des Nationalsozialismus wurden Homosexuelle in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Noch in den 50er und 60er Jahren galt laut Bundesverfassungsgericht der Paragraf 175, wonach „gleichgeschlechtliche Betätigung“ gegen das Sittengesetz verstoße. Dementsprechend wurden mehr als 100 000 Ermittlungsverfahren eingeleitet und etwa 50 000 Menschen rechtskräftig verurteilt. Bis zu fünf Jahren Haft. Erst 1994 wurde der Paragraf abgeschafft.

Heute erscheint Deutschland vielen Schwulen als attraktives Exil

Heute ist Deutschland ein Land, in das Homosexuelle flüchten, die in ihrer Heimat unterdrückt werden. Berlin hat einen Regierenden Bürgermeister, der sich geoutet hat. Die Regierung der Bundesrepublik hat einen homosexuellen Außenminister. Gleichgeschlechtliche Paare dürfen ihre Lebensgemeinschaft besiegeln. Homosexuelle dürfen Kinder adoptieren und sie gemeinsam mit ihrem Partner großziehen. Die Kirche verurteilt den Akt zwischen zwei Männern als abscheuliche Sünde, aber das ist längst nur noch ihr eigenes Problem.

Längst sind auch die zahlreichen Christopher-Street-Day-Umzüge in verschiedenen Städten ein Protest gegen die Unterdrückung tausender Homosexueller auf der ganzen Welt. In rund 75 Staaten werden Homosexuelle strafrechtlich verfolgt. In Saudi-Arabien oder dem Iran werden Männer, die Männer lieben, mit dem Tod bestraft, im Iran erhalten lesbische Frauen 100 Peitschenhiebe. Auch in manchen osteuropäischen Staaten ist die Situation der dort lebenden Homosexuellen weiterhin prekär. In Russland etwa oder in Polen werden Demonstrationen für mehr Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben von offiziellen Stellen verboten und – oft geschürt von radikalen Nationalisten und Kirchenvertretern – mit massiver Gewalt niedergeschlagen.

Kadir hat sich in den vergangenen Jahren die Christopher-Street-Day-Parade, die an seiner Wohnung vorbeizieht, vom Fenster aus angeschaut. Er ist ein gläubiger Muslim und betet mehrmals am Tag. Es ist ihm nicht egal, dass er als Sünder gilt, nur weil er Männer liebt. Er ist aus der Türkei geflüchtet, um sich nicht mehr verstecken zu müssen. Aber er weiß, dass er immer noch zwischen zwei Welten lebt. An Tagen wie dem Christopher Street Day wird ihm stets wieder klar, dass er weiterhin ein Doppelleben führt. Er hat sein Heimatland verlassen und ist in eine Stadt gezogen, in der tausende Schwule und Lesben ihre hart erkämpfte Freiheit genießen. In der er es als Muslim aber immer noch nicht wagt, Hand in Hand mit seinem Freund zum Bäcker zu gehen.

Ein Berliner Verein kümmert sich um türkische Homosexuelle

Koray Yilmaz-Günay steht auf dem Balkon der Büros von „GLADT - Gays & Lesbians aus der Türkei“. Er zieht noch einmal an der Zigarette, bevor er sie im Blumentopf erstickt. Die Räumlichkeiten des Vereins liegen am südlichen Rand des Tiergartens, mitten im Berliner Botschaftsviertel. Irgendwie passt das auch. Es ist die einzige Anlaufstelle für türkischstämmige Lesben und Schwule außerhalb der Türkei.

Seit zehn Jahren gibt es GLADT, rund hundert Mitglieder zählt die Organisation, 317 Menschen haben sich im vergangenen Jahr an die Beratung gewandt. Bei den Partys im SO36 ist der Verein mit einem Stand vertreten, abends werden in den Büros „Thai Chi“-Kurse angeboten, die Theatergruppe hat zuletzt das Stück „Geschlossene Gesellschaft“ von Sartre aufgeführt. Genauso wie die Tanzfläche des SO36 ist GLADT im Botschaftsviertel ein Ort, wo das Sich-verstellen-Müssen pausiert, wo sich das Lügenkonstrukt abstreifen lässt – wenn auch nur für wenige Stunden. Ein Ort, wo die Fragen, die seit Jahren im Kopf herumschwirren, offen diskutiert werden können.

Er könne sich noch gut an Kadir erinnern, sagt Yilmaz-Günay, schenkt Tee nach und holt eine Dose mit Keksen aus der Schublade. „Er ist nur aus Neugierde vorbeigekommen, hat sich alleine durchgeschlagen. Respekt!“

Berlin-Kreuzberg, Sonntagnachmittag: Kadir war mit dem jungen Labrador draußen, hat Brötchen gekauft und die „Yeni Özgür Politika“, eine kurdische Tageszeitung. Er blättert darin, zündet sich eine Lucky Strike an, und erzählt seine Geschichte. Sie beginnt in dem kleinen Dorf im Südosten der Türkei – als Kadir ein kleiner Junge war.

Als viertes von neun Kindern kommt er auf die Welt, hat drei Brüder und fünf Schwestern. Doch sein Vater zählt ihn zu den Mädchen, weil er sich wie ein Mädchen bewegt und lieber Volleyball spielt als Fußball. Ich habe drei Söhne und sechs Töchter, sagt sein Vater immer wieder und lacht ihn aus.

Wer homosexuell ist, wird in der Türkei vom Wehrdienst befreit - wenn er einen Videobeweis liefert

Mit fünfzehn fühlt Kadir, dass er homosexuell ist. Er betet, es möge vorübergehen. Dem Vater und den Brüdern wagt er nicht mehr, in die Augen zu schauen. Vom kleinen Dorf zieht die Familie nach Mersin am Mittelmeer, mit fünfzehneinhalb holt ihn ein Onkel nach Berlin, wo er bei einer seiner älteren Schwestern leben soll, die mit einem Cousin verheiratet ist. Weil das Geld zum Leben kaum reicht, verkauft Kadir sich mit einem Freund als Callboy, so verliert er die Jungfräulichkeit. Seine erstes Mal, für eine Handvoll Mark geteilt durch zwei. Niemand weiß davon.

Drei Jahre später geht er in sein Heimatland zurück – Militärdienst. Wer homosexuell ist, kann sich in der Türkei zwar vom Dienst freistellen lassen, muss jedoch Fotos oder Filmaufnahmen vorzeigen, die den gleichgeschlechtlichen Verkehr beweisen. Kadir graut es vor dieser Erniedrigung. Dann sich lieber verstellen, so wie er es die letzten Jahre schon getan hatte.

Militärdienst also, in Sivas, Zentralanatolien, 18 Monate. Nächtelang liegt er wach im großen Schlafsaal. Manchmal singt er, es hallt so wunderschön, viele Soldaten weinen dann. Alle sind sie einsam in der Kaserne von Sivas. Manchmal kriecht Kadir zu seinem Bettnachbarn unter die Decke und schläft mit ihm. Es geschieht leise, im Dunkeln. „Viele haben das gemacht, aber niemand hat darüber geredet. 18 Monate ohne Frau sind eine lange Zeit.“ Auch mit dem Kasernenkoch schläft er, der sei richtig verliebt in ihn gewesen.

Einzelne Sonnenstrahlen durchbrechen die Wolkendecke über Berlin. Der Wind drückt Regentropfen gegen das Wohnzimmerfenster. Kadir holt sein Fotoalbum hervor. Er hat sein Leben darin genau dokumentiert: Das Heimatdorf, Mersin am Mittelmeer, die Geschwister, die Verwandten, ein Foto mit den Jungs vom Militär, eins mit dem Kasernenkoch. Ein anderes Bild zeigt eine Hand mit lackierten Fingernägeln, die auf seinen Schultern liegt. Derjenige, zu dem die Hand gehört, ist nicht zu sehen. Die eine Hälfte des Fotos ist abgeschnitten. Schließlich will Kadir das Album eines Tages seiner Mutter zeigen. Es ist die Hand eines Transvestiten, mit dem er sich in Mersin heimlich angefreundet hatte.

Die Verlobung scheitert nach wenigen Wochen

Das Militär habe ihn männlicher gemacht, sagt Kadir. Als sein Vater ihn nach dem Dienst in Mersin verlobt, will er noch einmal versuchen, die Wünsche seiner Eltern zu erfüllen. Die Verlobung hält einige Wochen, dann haut Kadir ab. Zuerst mit dem Transvestiten nach Ankara, dann auf dem Rücksitz eines Mercedes über den Bosporus – wieder nach Deutschland. Kadir ist 24, als er im Jahr 2002 auf dem Rathaus von Spandau einen arbeitslosen Lkw-Fahrer heiratet, um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Niemand ist da, der vor Freude weint. Nach drei Jahren trennen sich die beiden, die große Liebe war es von Anfang an nicht. Kadir jobbt nun im „Pick up“, einem Schwulenclub mit Darkrooms, Kokain und Ecstasy am Prenzlauer Berg. Er schickt Geld an seine Mutter und weiß doch, dass sie sich nichts sehnlicher wünscht als eine Schwiegertochter.

Weil Kadir sich nicht mehr verstellen will, ruft er eines Nachts hinterm Tresen eine seiner Schwestern an, die auch in Berlin lebt. Das Kokain macht ihn mutig. „Ich bin schwul“, lallt er ins Telefon. Sie weint. Ihm ist plötzlich ganz leicht. Einige Tage später meldet sich seine Mutter. Die Schwester habe ihr alles gesagt. „Wenn du dich nicht änderst, bist du nicht mehr mein Sohn“

Die Mutter fleht Allah an, die "Krankheit" möge vorübergehen

Aber seine Mutter liebt ihn. Sie könnte Kadir niemals verstoßen. Sie betet fünf Mal am Tag. Immer für ihn. Sie fleht zu Allah, diese Krankheit möge vorübergehen. Kadir weiß nicht genau, wer aus der Familie vom Anruf in jener Nacht erfahren hat. Es ist ihm auch egal, gesprochen wird darüber sowieso nicht.

Inzwischen sind 15 Prozent der Vereinsmitglieder bei GLADT Eltern, Geschwister oder Freunde von Homosexuellen, mit Selbstvorwürfen und voller Unsicherheit haben sie sich an die Anlaufstelle gewandt: Was haben wir bloß falsch gemacht? Was werden die Nachbarn sagen? Wie sollen wir es den Großeltern erklären?

„Diese Sorgen müssen wir ernst nehmen, denn der Druck lastet schwer auf den Eltern und Geschwistern“, erklärt Yilmaz-Günay. „Wir dürfen sie nicht als rückständig und konservativ abstempeln. Sie sind zu Recht verunsichert, eben weil es noch so viel Diskriminierung gibt.“

Freunde oder Geschwister lädt er meistens auf eine Runde Kicker ins Büro ein. „Durch die direkte Begegnung wird das Klischee des Schwulen, wie er im Fernsehprogramm dargestellt wird, abgebaut.“ Mit Eltern trifft er sich an einem neutralen Ort zum Kaffee, wo sie zum ersten Mal über ihre Wut und Angst reden können. „Ich kann nachts nicht mehr schlafen, ich hasse mein Kind und möchte es am liebsten umbringen.“ Auch solche Rektionen gibt es.

„Sie sind kein schlechter Mensch“, sagt Yilmaz-Günay dann, „es ist schwierig einen homosexuellen Sohn zu haben, aber kein Weltuntergang.“ Er erzählt von seiner Mutter, die mittlerweile an den „Tai Chi“-Kursen teilnimmt, lädt die Eltern zum Tanzabend ein, dort sprechen sie mit anderen Vereinsmitgliedern, irgendwann ist das Problem weg.

Den Söhnen rät Yilmaz-Günay, geduldig zu sein. „Ihr habt selbst jahrelang mit eurer Sexualität gekämpft und ihr habt euch lange auf das Outing vorbereitet. Verlangt von euren Eltern nun nicht, es in drei Tagen zu akzeptieren!“, fordert er von ihnen.

Dreimal pro Woche telefoniert Kadir mit seiner Mutter. Sie ist neugierig, will wissen, wie das überhaupt geht, zwei Männer im Bett. Versuchtes es ihm immer wieder auszureden. Einmal im Jahr besucht Kadir sie in Mersin. Dann hofft er, dass sein Vater nicht da ist. Dass er bei einer seiner beiden jüngeren Frauen ist.

Das „Pick up“ in Prenzlauer Berg gibt es nicht mehr. Kadir arbeitet jetzt in einer Eisdiele. Die Abende verbringt er auf der Couch mit seinem Freund und dem Hund. „Wir drei sind eine richtige Familie geworden“, sagt er und krault den Labrador im Nacken. Nur ab und zu erwischt er sich beim Gedanken daran, wie es wäre, mit einer Frau zu leben, ein Kind zu haben. Nur zum Schein ein Familienleben zu führen. Er stellt sich vor, wie seine Mutter strahlen würde, so wie bei den vielen Verlobungen und Hochzeiten, als er ein kleiner Junge war. Dann weint er manchmal.

*Name geändert

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