Shopping : Neues Anprobieren ohne Neonlicht

Vor allem Frauen fühlen sich in Umkleidekabinen oft unwohl. Die grellen Lampen sind schuld. Das soll sich jetzt ändern.

Sonja Pohlmann
Ankleide
Problemzone. Viele Kundinnen wünschen sich angenehmere Kabinen, sagen Experten. -Foto: Vario Images

Der Schalter sollte die Realität in die Umkleidekabine bringen. Beim Klick auf „Drinnen“ blieb das Licht allerdings taghell, beim Klick auf „Draußen“ gab die Neonröhre dann, was sie konnte. Das Gesicht fahl, die Beine käseweiß und der hellste Spot fiel immer mitten auf die Problemzonen – jahrelang ließ der schwedische Modehersteller H&M seine Kunden mit diesem unbarmherzigen Beleuchtungskonzept in den Kabinen verzweifeln. Inzwischen wurden die Schalter entfernt, angeblich kosteten sie zu viel Energie. Vermutlich hat H&M aber einfach erkannt, dass vor allem weibliche Kunden in der Umkleidekabine die Realität lieber aus- als einblenden wollen.

Wie entscheidend das richtige Licht für die Kaufentscheidung ist, weiß auch Ursula Vierkötter, zukünftige Chefin des KaDeWe. Noch leuchtet das Licht in dessen Umkleiden nach ihrer Ansicht zu grell. Sobald sie im Amt ist, will sie es runterdimmen, kündigte sie jetzt an.

Dass Ursula Vierkötter damit tatsächlich den Konsum ihrer Kundinnen ankurbeln kann, ist nicht unwahrscheinlich. „Während Männer ihre Kaufentscheidung in der Regel außerhalb der Kabine fällen, treffen Frauen sie nach Ansicht von Konsumforschern direkt vorm Spiegel“, sagt Birgit Brüggen, Geschäftsführerin des Bundes Deutscher Innenarchitekten (BDIA). Männer gingen eher pragmatischer und rationaler nach dem Prinzip „passt“ oder „passt nicht“ vor, Frauen würden eher nach Gefühl entscheiden und müssten das Produkt vorm Spiegel an sich selbst erleben.

Verwunderlich, dass Kaufhäuser ihre Kabinen noch immer als moderne Folterkammern gestalten, wenn solche Forschungsergebnisse längst bekannt sind. Schließlich wird auch in Frauenmagazinen alle Jahre wieder aufs Neue rauf und runter glossiert, welch eine Qual der Bikini-Kauf im Neonlicht ist. Noch dazu, wenn es in der Kabine stickig ist und der Vorhang immer diesen einen winzigen Spalt offen lässt, so dass die Anprobe zur Akrobatiknummer wird. Natürlich wissen die meisten Frauen, wo es bei ihnen dellt und quillt. Gerade deshalb wollen sie ja auch ein neues Outfit kaufen, das Problemzonen möglichst gut kaschiert. Doch wenn einem schon von vornherein der bloße Versuch hoffnungslos vorkommt, weil einen der grelle Spot noch mehr er bleichen lässt, dann erscheinen die alten Klamotten doch als die bessere Alternative.

Vierkötters Idee ist deshalb im wahrsten Sinne einleuchtend. Und nach Meinung von Michael Jülke, Experte für Beleuchtungen und ebenfalls im BDIA engagiert, auch umsetzbar: „Längst gibt es Schalter, mit denen sich verschiedene Lichtsituationen simulieren lassen.“ Dadurch könne zwischen warmen, kalten und neutralen Beleuchtungen variiert werden. Wichtig sei aber, dass der Kontrast zur Realität nicht zu groß werde. Sonst drohe der gleiche negative Überraschungeffekt wie bei der Fleischtheke: „Im Laden sieht das Produkt noch saftig und appetitlich aus und zu Hause dann plötzlich ganz fahl.“ Solche Effekte wird Vierkötter als Chefin des Luxuskaufhauses wohl zu vermeiden wissen. Hauptsache, die männlichen Kunden lassen sich von der möglichen neuen Technik in der Kabine nicht zu sehr ablenken.

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