Stadtleben : Sie nennen ihn Dieter

Festspiel-Chef Kosslick war wieder der menschliche Faktor auf dem Festival

Elisabeth Binder

Für die Stars war der Mann mit dem schwarzen Hut und dem roten Berlinale-Schal ein wichtiger Bezugspunkt, nicht nur Festivalchef, sondern auch der „Human Factor“ . Alle nennen ihn Dieter. Als die Preisträger gerade beim nächtlichen Bärendinner Flusskrebse auf Auberginen-Zucchinicarpaccio essen, hebt Dieter Kosslick zu seiner – fest versprochen! – letzten Rede für dieses Jahr an. Er beginnt mit den „gewissen magischen Momenten, die wir alle erlebt haben“, dankt der Jury, dass sie sich all die vielen Filme angeschaut hat in diesen „unglaublichen zwei Wochen“ und steigert sich dann zu dem „emotionalen Tsunami, der über uns hinweggerollt ist“.

Später trägt er stolz ein neues Buch durchs Borchardt, „Das große Witzefeuerwerk“. „Das haben mir die Ausländer geschenkt, falls ich mal knapp werde.“ Dann sucht er seine Frau Wilma, erzählt von dem vierjährigen Sohn Fridolin, der erstmals auch Berlinale geguckt hat, jedenfalls im Fernsehen.

„Eigentlich sind wir ja alle Kinder“, sagt er später fröhlich. Er erzählt noch mal davon, wie er Ron Wood seine Gitarre gezeigt hat, wie er sie genommen hat und ein paar Riffs gespielt hat. Auch ein starerprobter Festivalchef ist nicht unbeeindruckbar, aber gerade das ist eine Stärke, gehört irgendwie zum Charisma. Trotzdem ist ihm überhaupt keine Anspannung anzumerken, keinerlei Sorgen, wie es weitergehen soll, wie man sich nach diesem Coup noch steigern kann.

Stattdessen zeigt er, was ihn wirklich beeindruckt und führt die israelische Filmemacherin Michèle Ohayon durchs Lokal, deren Film „Steal A Pencil For Me“ er eigens auf den Valentinstag gelegt hat. Der handelt von einem Paar, dessen Liebe das Konzentrationslager überlebt hat, das über sechzig Jahre zusammengeblieben ist. „Über sechzig Jahre Liebe!“ Auch die Publikumsreaktion auf den Film „Katyn“ von Andrzej Wajda hat ihn berührt. „Minutenlang war es ganz still, und dann gab es eine Standing Ovation.“

Er macht sich etwas Sorgen, dass die Mitarbeiter jetzt in ein tiefes Loch fallen, eigentlich wollen alle weiterarbeiten. Die Arbeit an der neuen Berlinale beginnt ja auch schon, aber der Adrenalinspiegel darf erst mal sinken, zum Beispiel im Urlaub. Vielleicht kramt Dieter Kosslick noch mal sein T-Shirt raus mit der Aufschrift „Cannes – muss aber nicht“. Unbedingt will er bei seinem Lieblingsbäcker lernen, wie man Biobrot backt.

Ein bisschen Hilfe von vielen Freunden war nötig, die Rolling Stones auf den Roten Teppich vor dem Berlinale-Palast zu bringen. Dieter Kosslick scheint eine fast unbegrenzte Kapazität für Freundschaft zu haben. Elisabeth Binder

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