Sightseeing : Da schau her

Einmal Hauptbahnhof – Dom und zurück: Normalerweise macht man so etwas getrennt, eine Stadt besichtigen und Sport treiben. In Berlin ist das aber auch gleichzeitig möglich, durch geführtes Sightseeing im Joggingtempo.

Saskia Weneit
Hund
Wer es gerne bequem hat, wird für den joggenden Teil der Bevölkerung wenig Verständnis aufbringen. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Treffpunkt: Hauptbahnhof. Erkennungszeichen: ein knallgelbes Trikot. Was klingt wie ein Blind Date, ist der Beginn eines schweißtreibenden Sightseeing-Programms durch Berlin. Ein bisschen windig ist es ja, wenigstens scheint die Sonne. Also rein in die Sportklamotten und los. Gemütlich im Bus oder auf einem Schiff Museumsinsel, Fernsehturm und die anderen touristischen Orte an sich vorbeiziehen lassen, kann ja jeder. Hier ist Bewegung gefragt: Die Sehenswürdigkeiten werden abgejoggt. Michael Horstmann von „Mike’s Sightrunning“ steht auch schon in den Startlöchern, in seinen gelbschwarzen Laufklamotten ist er tatsächlich nicht zu übersehen.

Diesmal führt seine Sightseeing-Joggingtour die Spree entlang zum Berliner Dom und wieder zurück zum Hauptbahnhof. Laut seiner Website sind das neun bis zehn Kilometer in circa 60 Minuten – Respekt! An der Spree geht es mit der vierköpfigen Truppe erst mal durchs Regierungsviertel. Alles entspannt, keiner hyperventiliert oder klagt über Seitenstiche. Während des Sightrunnings darf der informierende Teil natürlich nicht fehlen, und so erzählt der 52-jährige Michael Horstmann mit ansteckender Begeisterung wahlweise auf Deutsch oder Englisch aus der Geschichte der Stadt. Seiner Puste macht das nichts aus, der mehrfache Marathonläufer ist hervorragend trainiert.

Auch Andrea und Frank Menzel haben keine Probleme mit der Puste. Das Berliner Ehepaar hat die Joggingtour zum Dom vor allem wegen des Fremdenführers gebucht, es müssen ja nicht nur Touristen mitlaufen. „Gerade als Berliner weiß man ja oft nicht viel von seiner Stadt“, sagt Frank Menzel, der zwar zunehmend ins Schwitzen gerät, aber beschwingt weiterjoggt. Inzwischen geht es auf dem Uferweg Richtung Museumsinsel.

Die Routen sind so gelegt, dass man meist abseits vom Verkehr läuft, am Wasser oder durch Parks. „Ich war skeptisch, finde die Idee und den Lauf jetzt aber super“, schwärmt Frank Menzel. Der 50-jährige Busfahrer läuft sonst nicht, spielt lieber Fußball. Seine Frau joggt dreimal die Woche eine Stunde, man sieht’s, ein Blick auf ihre Schuhe sind der Beweis. So sehen Joggingschuhe also aus, wenn man regelmäßig über Stock und Stein trainiert. Kondition muss was Tolles sein. Immerhin zieren auch ihre Stirn nach der ersten halben Stunde ein paar Schweißperlen.

In der Regel läuft man eine Stunde auf den sechs bis zehn Kilometer langen Touren, je nach Kondition mal mehr, mal weniger. Geboten werden die Freude über die schöne Strecke, das Gehörte, die Bewegung und – Muskelkater. Vor allem, wenn man solche Distanzen nicht gewohnt ist, wird es fies. „Die Leute müssen schon lauferfahren sein, sonst machen sie nach drei Minuten schlapp“, sagt Horstmann, der die Tour zum tollen Erlebnis werden lässt, auch wenn man über keine Sportlerlunge verfügt. Bei der Buchung kann man angeben, ob man mehrere Gehpausen machen oder eine kürzere Strecke laufen will. „Ich möchte rote Köpfe vermeiden. Wir laufen nur so schnell, wie der Langsamste kann“, sagt Horstmann. Ohnehin werden immer wieder kurze Stopps eingelegt, für Anekdoten über Berlin. Davon kennt der hauptberufliche IT-Berater jede Menge. Da bleiben auch unbeteiligte Passanten gerne mal stehen und hören zu.

Horstmann lebt und joggt seit 20 Jahren in Berlin. „Ich will immer wissen, wo ich laufe und vorbeikomme, da liest man sich mit der Zeit viel an.“ Seit April 2008 bietet der gebürtige Bremerhavener die Stadtführungen mit Trainingseffekt an. Die Idee kam ihm vor drei Jahren, bei einer Laufbetreuung. „Ich habe damals schon viel über Berlin erzählt, um das Laufen angenehmer zu machen.“ Danach schaute er immer in glänzende Augen von entspannten Menschen. Allerdings war er nicht der Erste mit dem Konzept: Auch in New York, Rom, Wien, Hamburg oder Paris gibt es Sightjogging.

Es kommen die letzten Meter. Andrea, Frank und Michael plaudern noch immer, während sie zum Ziel traben. Mangelnde Kondition kann hier den Blickwinkel auf rote Ampeln stark verändern: Eine Verschnaufpause, endlich. Aber anstatt die Zähne zusammenzubeißen und am nächsten Tag kaum mehr stehen zu können, sollte man lieber „ich kann nicht mehr“ beichten. „Eine Pause ist immer drin, man kann auch jederzeit aufhören“, beruhigt Horstmann. Das Sightrunning soll ja vor allem Spaß machen.

Neben der Domtour kann man mit Horstmann und seinen zwei Kollegen auch durch den Schlossgarten Charlottenburg und das Regierungsviertel joggen. Abendläufe durch die beleuchtete Stadt sind ebenso buchbar. Auch Geschäftsreisende sind willkommene Mitläufer. „Viele reisen mit Laufschuhen im Gepäck, haben keine Zeit für Sightseeing und wollen sich bewegen“, weiß Horstmann. Für sie hat er einen eigenen Service: abholen, hotelspezifische Laufrouten, Infos über das aktuelle Stadtprogramm, ein freier Kopf inklusive. Endorphine, Stolz und schwere Beine gibt es aber für alle gleichermaßen.

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