Silvesterparty : Genug Ballermann am Tor

Die Silvesterparty am Brandenburger Tor steht in der Kritik. Zu viel Ballermann, zu wenig Niveau, klagen Politiker. Partywillige haben weniger Berührungsängste, doch die Sehnsucht nach den großen Stars bleibt.

Sebastian Leber
Drews
Stein des Anstoßes. Jürgen Drews sang am Brandenburger Tor. -Foto: Davids

Nur noch rund 200.000 feierten laut Polizei am Brandenburger Tor - Michael Braun wundert das nicht: "Wer stellt sich schon freiwillig raus in die Kälte, um Jürgen Drews zu sehen?" Dem kulturpolitischen Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus missfällt nicht nur Drews' Auftritt, sondern "auch insgesamt das Ballermann-Niveau, das sich dort etabliert hat." Zwar sei Berlin zu Silvester weiter "ein Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt", diese mieden aber inzwischen das Brandenburger Tor und feierten lieber in den Clubs. "Es liegt am Programm. Was wir hier brauchen, ist Klasse." Während etwa bei der Silvesterfeier auf dem New Yorker Times Square dieses Jahr Popstar Jennifer Lopez sang, gehörten auf der Straße des 17. Juni der Schlagersänger Olaf Henning ("Ich will nach Hause zu Mama") und das Berliner Duo Die Atzen ("Hey, das geht ab, wir feiern die ganze Nacht") zu den Höhepunkten des Showprogramms.

CDU-Mann Braun wünscht sich Auftritte von Spitzenmusikern wie "den Berliner Philharmonikern oder von Rockbands wie den Scorpions". Insbesondere "Berliner Institutionen wie die Philharmoniker sollten viel stärker in solche Feierlichkeiten einbezogen werden." Auch Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) würde sich "freuen, wenn das Programm in Zukunft wieder etwas anspruchsvoller ausfällt". Dies käme dann sicher auch den Besucherzahlen zugute, schließlich interessierten sich die Menschen, die über Silvester nach Berlin reisten, "vor allem für das Kulturangebot und nicht für eine Atmosphäre wie auf Mallorca".

Veranstalter Willy Kausch hält die Kritik für ungerechtfertigt. "Die Menschen vor der Bühne haben trotz Schneetreibens gefeiert, da war keiner enttäuscht." Er persönlich sähe auch lieber die Rolling Stones auf der Bühne, aber die könne man sich nicht leisten. "Wir hatten in den letzten Jahren viel Abwechslung im Programm, so soll es bleiben." Außerdem geht der Veranstalter von anderen Zahlen aus als die Polizei: nicht 200.000, sondern mindestens 850.000 Gäste hätten im Tiergarten gefeiert, schätzte eine Sprecherin am Freitag. Der leichte Rückgang liege am Wetter: "Es war dann doch etwas nasskalt."

Eine inhaltliche Neuausrichtung des Fests gefiele auch Olaf Kretschmar von der Club Commission, dem Verband der Berliner Club- und Partyveranstalter. "Was vor dem Brandenburger Tor gespielt wird, ist in meinen Augen industrielle Folklore-Mucke", sagt Kretschmar. Lieber solle die Party das "gesamte Spektrum der Berliner Musikszene abbilden: von Tango bis Techno". Die Club Commission würde sich bei der Erarbeitung eines neuen Konzepts gerne einbringen.

Eine noch grundsätzlichere Kritik als Michael Braun übt der ehemalige Kultursenator Thomas Flierl (Linke). Er regt nicht nur eine inhaltliche Neugestaltung, sondern auch eine Diskussion über einen möglichen Standortumzug an. "Die Marke Brandenburger Tor hat sich aufgebraucht, die Erschlaffung ist zu spüren. Vielleicht sollte man innehalten und über Erneuerung nachdenken." Alternative Orte gebe es genug, auch über das Gelände des Flughafens Tempelhof könne man diskutieren. Sebastian Leber

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