Society-Event : Kanzler, Kaiser und Katjuscha

Ein bisschen Politik muss sein: Trotz der langen Schatten des Kaukasus-Krieges lockte der Russisch-Deutsche Ball am Freitagabend allerhand Prominenz aus Kultur, Wirtschaft und Politik in die Moskauer Botschaft Unter den Linden. Wenn Russland einlädt, darf einer nicht fehlen: Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Jens Mühling
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Russlandfreunde: Gerhard Schröder und seine Ehefrau Doris Schröder-Köpf beim Russisch-Deutschen Ball in Berlin. -Foto: dpa

Das Politikum beginnt auf dem Roten Teppich: Lang sind die Schlangen an der Russischen Botschaft, und inmitten all der Smokings und Abendroben sind immer wieder Gespräche wie dieses vernehmbar: „Ob das wirklich der richtige Zeitpunkt für so ein Fest ist?“, fragt ein graumelierter Herr. „Ach was, feiern kann man immer!“, antwortet seine Begleiterin.

Überschattet vom Krieg im Kaukasus fand am Freitagabend der „Russisch- Deutsche Ball der Wirtschaft, Politik und Kultur“ statt, der sich in den sieben Jahren seines Bestehens zur festen Größe im Berliner Gesellschaftsleben gemausert hat: So üppigen Prunk und Glamour wie beim alljährlichen Stelldichein im neoklassizistischen Palais Unter den Linden, dem Sitz der Russischen Botschaft, hat die Stadt selten zu bieten. Und fast schien es, als hätten die Russen diesmal den Luxusfaktor noch mal ein gutes Stück erhöht, als gelte es, der politischen Krise mit um so vehementerer Feierlaune entgegenzutreten.

So weiß auch Moskaus Botschafter Vladimir Kotenev in seiner Eröffnungsrede in erster Linie von der tiefen Verbundenheit beider Länder zu berichten. Dann aber gibt sich der anfangs leicht angespannt wirkende Kotenev einen Ruck und nimmt doch noch aufs politische Geschehen Bezug: Eine „Tragödie“ habe sich vor vier Wochen im Kaukasus ereignet, sagt er, und mancher möge sich fragen, wie nach solchen Ereignissen an unbeschwertes Feiern zu denken sei. All denen, sagt Kotenev, wolle er mit einem russischen Sprichwort antworten: „Wahre Freundschaft entsteht im Sturm.“ Eine Applauswelle rollt durch den Saal, sie verleiht dem Botschafter Fahrt, er spricht jetzt den Wunsch aus, das Fest möge die russische-deutsche „Verwandtschaft“ vertiefen. „Freundschaft“ wollte er wohl sagen, doch als der Versprecher mit wohlwollendem Gelächter quittiert wird, bekräftigt Kotenev, so ein Ball könne ja durchaus auch zur Förderung von Verwandtschaft dienen. Abermals Gelächter.

Außer Prominenz wie Jette Joop, Franz Beckenbauer, Nadja Auermann, Sabine Christiansen und Vicky Leandros ist viel Politik vertreten. Insbesondere die SPD zeigt Präsenz: Matthias Platzeck vergnügt sich auf der Tanzfläche, Walter Momper ist ebenso da wie Hans-Ulrich Klose, und als kurz nach Kotenevs Rede der russische Stimmenimitator Maxim Galkin eine inbrünstig geschmetterte Version des Sinatra-Klassikers „My Way“ zum Besten gibt, steht plötzlich Altbundeskanzler Gerhard Schröder mit Ehefrau Doris Schröder-Köpf im Raum.

Doch nicht nur auf politischer Ebene ist es die Fraktion der Russlandfreunde, denen diese Nacht gehört. Auch die Gespräche vieler Gäste aus Wirtschaft und Kultur drehen sich um das Wohl und Wehe der Berliner Russlandpolitik, von deutscher wie von russischer Seite wird vielfach Unverständnis über Angela Merkels georgienfreundliche Position im Kaukasuskonflikt geäußert, man wünscht sich mehr Verständnis für die russische Sicht.

Es ist weit nach Mitternacht, als ein Kammerkonzert der skurrileren Art gegeben wird: Dicht umstanden von Schröder, Platzeck und den Gattinnen der beiden SPD-Granden gibt ein russischer Pianist Klassiker des slawischen Liedguts zum Besten. „Raszwetali jabloni i gruschy“, schmettert er zu seinem Spiel: „Einst blühten die Äpfel und Birnen.“ – der alte Frontschlager, den die Soldaten der Roten Armee auf den Lippen trugen, als sie gegen Berlin zogen. „Katjuscha“ heißt das Lied, das ist nicht ganz zufällig der Name eines Raketenwerfersystems. Was soll's, Schröder und Platzeck klatschen begeistert mit. Besonders Schröder mag dabei jener Zeit hinterhertrauern, als er selbst noch den Kurs der Russlandpolitik vorgab. „Those were the days, my friend!“, stimmt jetzt der Pianist an, Schröder und Platzeck fallen lauthals ein, ein Chor der Vergangenheitsseligkeit.

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