Stadtleben : Solange das Eisen noch heiß ist

Alte Handwerksberufe haben es nicht leicht.Spezialisierung sichert oft das Überleben

Henning Zander

Mit wuchtigen Schlägen haut Annette Maria Eckl den Hammer auf das glühende Eisen. Zwei Minuten hat sie Zeit, um den Stahl auf dem Amboss zu bearbeiten. Danach ist das Material zu kalt und wird spröde. 1100 Grad ist die optimale Temperatur. Wird der Stahl noch heißer, verbrennt er. „Mit der Zeit entwickelt man ein Gespür für das Feuer“, sagt Schmiedin Eckl und schiebt den Stahlstab wieder in die Esse: „Wenn er hellgelb glüht, kann man ihn bearbeiten.“

Annette Maria Eckls Beruf ist ein uraltes Handwerk. In der Rixdorfer Schmiede in Neukölln bearbeitet sie Stahl mit Hammer, Amboss, Zangen oder mit einer Drahtbürste, um ihn grau-schwarz glänzen zu lassen: Die Werkzeuge ihrer Zunft haben sich seit Jahrhunderten kaum verändert. Die Bedingungen jedoch sehr. „Früher gab es mehr Schmiede als heute Tankstellen in der Stadt“, sagt Eckl. Heute ließen sich die Schmiedewerkstätten an zwei Händen abzählen, sagt Rafael Hohlfeld, Landesfachgruppenleiter Metallgestaltung der Metall-Innung. Für die kleinen Betriebe sei es schwierig, sich neben den Billigangeboten der Baumärkte zu positionieren. Und doch schaffen sie es: durch Spezialisierung. Annette Maria Eck stellt hauptsächlich Blumen aus Stahl und andere Verzierungen her. Oft macht sie die Feinarbeiten für Balkongitter, Türen oder Zäune. Gerade arbeitet sie an einer ganzen Teichlandschaft, die demnächst in der Neuköllner Galerie Freiraum zu sehen sein wird. Mehrere Stunden braucht sie für ein einzelnes Seerosenblatt. Ihr Kollege Martin Böck stellt hauptsächlich Messer her.

Auch andere alte Handwerksberufe müssen sich wie die Schmiede an veränderte Bedingungen anpassen: Auch der letzte Berliner Bürstenmacher hat sich eine Nische gesucht, um zu überleben: Volker Schröder stellt hauptsächlich Schuhputzsets und Spinnenbesen aus indischen und chinesischen Schweineborsten her. Die verkauft er auf Märkten. Aber auch andersherum kann es gehen: Die Sattler haben sich nicht spezialisiert, sondern ihr Angebot ausgeweitet. Außer Reitsportartikeln stellen sie jetzt Ledersitze für Autos und Boote her, außerdem Ausrüstungen für andere Sportarten wie Eishockey. Trotzdem gibt es auch in diesem alten Handwerk nur noch wenige Werkstätten: 22 sind bei der Handwerkskammer verzeichnet.

Wesentlich besser sieht es bei den Schneidern aus. Zurzeit gibt es in Berlin 230 Maßschneidereien, mehr als 500 Änderungsschneidereien und hunderte Designer, die Einzelstücke anfertigen und verkaufen. Das Handwerk erlebt eine Renaissance, seit Berlin zum Modestandort geworden ist. Auch die Schmiede profitieren vom Standort Berlin – nicht von der Mode-, sondern von der Kultur- und Hauptstadt: Kunstschmied Stefan Fittkau hat sich auf Großprojekte spezialisiert. Er schmiedete schon für das Bodemuseum, Bundespräsidialamt, Olympiastadion und Ritz Carlton Hotel.

„Das ist eine Nische, in der ich als Schmied gegen industriell gefertigte Produkte bestehen kann“, sagt auch Fittkau. Doch der Trend zur Spezialisierung sei nicht neu: „Echte Schmiedekunst konnten sich auch vor hundert Jahren nur reiche Bürger und der Staat für seine repräsentativen Bauten leisten.“ Die Gründerzeithäuser in Prenzlauer Berg hingegen seien meist mit „Katalogware“ gebaut worden. Allein durch Schmiedearbeit kann Fittkaus Betrieb trotz der Großaufträge nicht überleben. Nur zehn bis zwanzig Prozent des Umsatzes erwirtschaftet Fittkau in diesem Segment. Die Haupteinnahmen stammen aus dem Metallbau. „Beide Techniken schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich sehr gut“, sagt Fittkau. Denn wenn ein Bauherr ein Geländer für einen Balkon wünscht, kann Fittkau auch eine geschmiedete Version anbieten.

Doch die meisten Bauherren entschieden sich zu oft für vorgefertigte Teile aus dem Baumarkt, sagt Rafael Hohlfeld von der Metallinnung. Er selbst bessert deshalb wie einige seiner Kollegen vor allem Werkzeuge aus. Und viele Schmiede hätten sich auf Restaurierungen spezialisiert, um zu überleben, sagt Hohlfeld,.

Eckl und ihre Kollegen aus der Rixdorfer Schmiede haben neben Seerosen und Messern auch ganz andere Einnahmequellen gefunden: Sie verdienen zum Beispiel an Projekten mit Berliner Schulen zur Berufserziehung. Auch an diesem Tag zeigt Eckl zwei 14-Jährigen ihr Handwerk. Sie sind sichtlich beeindruckt von der Leichtigkeit, mit der die Frau den Hammer schwingt.

Außerdem versucht die Schmiede sich an biologischen und fair gehandelten Lebensmittelfirmen zu orientieren: Handgemachte Qualität und faire Löhne als Markenzeichen. Damit ihre Werkstatt bekannter wird, betätigen sich die Handwerker als Dozenten und halten Vorträge über spezielle Aspekte ihres Berufs: Über Messer aus Damaszener Stahl zum Beispiel oder das Bauen am Denkmal. So bleiben sie zwar einerseits Spezialisten, andrerseits eifern sie den Schmieden nach, die im 17. Jahrhundert einmal pro Woche nach Rixdorf kamen: Die waren Universaltalente – und zogen sogar Zähne.

Annette Maria Eckl wird ihre Zangen wohl nicht als Zahnarztbesteck zweckentfremden müssen – dank der Seerosen. Die Esse kann also weiter brennen.

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