Stadtleben : Sonderzug nach Kötzschenbroda

Von Glenn Miller zu Udo Lindenberg gab es eine Zwischenstation: Bully Bulhan

Lothar Heinke

Das war damals die schönste Räuberpistole, mit der Udo Lindenberg alle staatstragenden Nasen der DDR in Schockzustand versetzte: Dieses ganze steife Getue, dieser Personen-Protokollkult, das kämpferisch-heroische Pathos – alles wurde von diesem Typen mit Hut einfach weggenuschelt. Entweihung nach Strich und Faden. Honecker als „Oberindianer“ oder gar „sturer Schrat“ zu betiteln statt als „Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzender des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik“ – das hatte was.

Vor 25 Jahren erschien die LP „Odyssee“ mit dem Lied vom „Sonderzug nach Pankow. Wochenlang rollte der Express durch die Charts. Doch nicht zum ersten Mal traf ein Text nach der Glenn-Miller-Melodie des 1941 entstandenen Titels „Pardon me, boy: Is that the Chatanooga ChooChoo?“ den Nerv der Zeit. Unser Leser Gerd Lemke aus Langenfeld erinnert sich deutlich an die Schilderung einer Eisenbahnfahrt, wie sie Bully Buhlan 1946 mit dem RBT-Orchester vor einem Box-Kampftag in der Waldbühne kreierte: „Es gab nicht viel damals – aber Humor und Selbstironie, die haben uns am Leben gehalten.“ Bully Buhlans Version ging so: „Verzeih’n Sie, mein Herr, fährt dieser Zug nach Kötzschenbroda? Er schafft’s vielleicht, wenn’s mit der Kohle noch reicht. Ist hier noch Platz, in diesem Zug nach Kötzschenbroda? Das ist nicht schwer, wer nicht mehr stehen kann, liegt quer.“ Abenteuer Reisen damals, auf Puffern, Dächern und Trittbrettern: „Morgens fährt der Zug an Papestraße vorbei, mittags ist die Fahrt nach Halensee noch nicht frei. Nachts in Wusterhausen lässt du dich entlausen und verlierst die Koffer auch noch leider dabei.“

Es war zum Heulen, aber die Leute lachten. Es war die Zeit der Aufmunterung, des Galgenhumors und der Erweckung heimatlicher Gefühle. Hurra, wir leben noch! Bully Buhlan besang das Heimweh nach dem Kurfürstendamm, die Krumme Lanke und hatte, wie jeder, „Sehnsucht nach Würstchen mit Salat“. Der Sänger lebte übrigens nach dem Krieg kurze Zeit im Stadtteil Radebeul-Kötzschenbroda, seine „Hymne“ erklingt alljährlich im September zum Radebeuler Weinfest.

Lindenbergs S-Bahn-„Sonderzug“ soll am 14. Juni noch einmal vom Potsdamer Platz nach Pankow rollen. Dort gibt’s ein Volks- und Kunstfest. Möglichst mit Udo samt Panik-Orchester. Wir werden sehen und hören, Hallohallöchen, hallo! Lothar Heinke

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