SONNTAGS um zehn : Das Beste muss man suchen

Ein ökumenischer Festgottesdienst zu Köpenicks 800. Geburtstag

G,a Bartels

Da stehen sie im Schneegetöber und trotzen dem scharfen Wind, der durch die schmucken Gassen der Köpenicker Altstadt fegt. Schon von ferne ist das muntere Tuten des Bläserchors vor der Stadtkirche St. Laurentius zu hören. Drinnen im roten Backsteinbau von 1841 feiern heute sechs Gemeinden gemeinsam den Festgottesdienst zum 800. Geburtstag der Stadt Köpenick. Mit einem großen Menschen- und Honoratiorenauflauf, Lobgesängen, warmen Worten, Bach-Kantate und Trommelwirbel.

Da darf einer nicht fehlen, ohne den in Köpenick eh gar nichts geht. Jawoll, der Hauptmann. Den bringt Festredner Ralf Meister, der Berliner Generalsuperintendent, ins Spiel. Auf der putzigen Kanzel, die im klaren Kirchenschiff wie ein Adlerhorst oben über dem Altarbild klebt, bemüht sich der vor kurzem aus Lübeck zugereiste Neuberliner tapfer zu berlinern.

Zu Beginn der Predigt zitiert er ein paar Sätze aus Zuckmayers Drama „Der Hauptmann von Köpenick“. Die herzerweichende Stelle mit der Lebensbeichte des Schusters Wilhelm Voigt, der als falscher Hauptmann bekannt wurde: „Und dann stehste vor Jott und der fracht dir, watt haste jemacht mit dein’m Leb’n?“

Das sei genau die Frage, vor die Gott jeden Einzelnen und eine ganze Stadt an so einem Jubiläum stelle, sagt Meister und zitiert den alttestamentarischen Appell des Propheten Jeremia an das Volk Israel: „Suchet der Stadt Bestes.“

Allgemeines Schmunzeln liegt auf den Gesichtern, als Meister erzählt, was er an den Köpenickern charmant findet. „Sie sind stolz.“ Auf den größten Bezirk Berlins, das viele Grün, die lange Geschichte. Köpenicker seien sei mehr als einfach nur Berliner, habe er als Zugereister schnell begriffen.

Und dann erinnert Ralf Meister ernst daran, wie die christliche Aufgabe, das Beste der Stadt zu suchen, mal ausgesehen hat. Zu DDR-Zeiten sei in der Stadtkirche möglich gewesen, was draußen nicht möglich war, sagt er. Viele Köpenicker könnten erzählen, dass St. Laurentius ein „Asylort und eine Schule der Freiheit“ war.

Und damit Köpenick zukünftig nicht in Tausende von Ich-AGs auseinanderfalle, sei es die Aufgabe der Christen, dafür zu sorgen, dass „arm und reich sich nicht trennt und einheimisch und fremd sich nicht spaltet“. Gott verlange das Bekenntnis und den Einsatz der Gläubigen. „Sie sind das Gewissen, das Gedächtnis und die Hoffnung der Stadt“, ruft der Prediger den ergriffenen Köpenickern zu.

Draußen im Schneegestöber wartet vor der Kirche gleich der erste Test auf alle, die – so erhaben animiert – ab sofort dringend der Stadt Bestes suchen und ihre Hoffnung sein wollen. Da steht windschief und beschwipst ein Mann und haut alle mit und ohne Talar um eine kleine Spende an. Gunda Bartels

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