SONNTAGS um zehn : Eiswürfel im Advent

Ein ökumenischer Gottesdienst in Alt-Lübars

Benjamin Lassiwe

Am Adventskranz brannte die erste Kerze, und in der kleinen Dorfkirche in Alt-Lübars war kein einziger Platz mehr frei. Manche Kirchgänger mussten sogar stehen, als Pfarrerin Ute Sauerbrey und ihr katholischer Amtskollege Markus Brandenburg gestern mit dem ökumenischen Gottesdienst zum ersten Advent begannen. Denn in Lübars ist es eine alte Tradition: Jedes Jahr zu Beginn der Adventszeit findet ein gemeinsamer Wohltätigkeitsbasar der evangelischen Kirchengemeinde Lübars und der katholischen Gemeinden Christkönig und Maria Gnaden auf dem Anger des Bauerndorfes statt.

Bevor die Stände mit dem Selbstgebastelten, den Plätzchen und dem Glühwein öffneten, läuteten die Glocken, und die Mitglieder beider Gemeinden nahmen gemeinsam in der Kirche Platz. „Advent, das ist die Zeit der Vorfreude“, sagte Pfarrerin Sauerbrey. „Advent, das ist die Zeit des Lichteranzündens, aber noch nicht in der ganzen Pracht.“ Und nachdem der ökumenische Chor Lübars die alten Adventslieder gesungen und die Pfarrerin einer Ehrenamtlichen mit einem Blumenstrauß und einem Segenslied zum Geburtstag gratuliert hatte, erhielten die Gottesdienstbesucher einen „Gegenstand zur Betrachtung und Besinnung während der Predigt“ in die Hand. Es waren kleine Eiswürfel, frisch aus der Gefriertruhe, die beide Geistliche im Gotteshaus verteilten. Gelächter breitete sich in der Kirche aus. „Das Eis zerrinnt zwischen den Fingern wie so vieles: die Eiskappen an den Polen, die Gletscher und das menschliche Leben“, sagte Pfarrer Brandenburg in seiner Predigt. „Auch in der Adventszeit zerrinnt uns vieles: Die Zeit der Besinnung ist gar nicht so besinnlich.“ Nichts habe ewigen Bestand, auch der Glaube an Gott sei keine Selbstverständlichkeit mehr. „Aber Sie sehen, dass aus den Eiswürfeln etwas anderes geworden ist: flüssiges Wasser.“ An Weihnachten gebe es wieder Lebendigkeit und einen neuen Anfang. „Gott erweist sich als Gott des Wandels, des Fließens, des Lebendigen.“ Deswegen sollten Christen gerade in der Adventszeit in die Welt hinausgehen und ihren gestressten Mitmenschen sagen: „Schaut, es entsteht etwas.“ Es sei eine neue Hoffnung, die sich durch Jesu Geburt an Weihnachten auftue.

Einstweilen allerdings gingen die Gottesdienstbesucher nur auf den Vorplatz der Kirche hinaus, aßen Erbsensuppe, kauften Weihnachtsgeschenke und tranken Glühwein. All das geschah für einen guten Zweck, denn die Einnahmen kamen den Hilfswerken „Misereor“ und „Brot für die Welt“ und ihren Projekten in Äthiopien und Haiti zugute. Und selbst ein Busfahrer, der an der Endhaltestelle in Alt-Lübars seine Pause machte, mochte da nicht außen stehen: Zwischendrin sah man auch ihn beim Plätzchenkauf auf dem Basar. Benjamin Lassiwe

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