SONNTAGS um zehn : Manche Worte brauchen keine Übersetzung

Kinder aus Tschernobyl zu Besuch im Gemeindezentrum Am Fennpfuhl

Die Wege des Herrn sind unergründlich – die Wege zu ihm manchmal auch. So gestaltete sich die Suche nach dem evangelischen Gemeindezentrum Am Fennpfuhl schwierig. „Ich bin nicht in der Kirche“, antworteten Bewohner des Lichtenberger Plattenbauviertels auf die Frage, wo sich das Haus befinde. Dabei haben sie es seit 1984 vor der Nase: Den roten Backsteinbau hatte damals zu 90 Prozent die evangelische Kirche Westdeutschlands bezahlt. „Das war der erste Kirchenbau im Osten“, erinnerte sich die 81-jährige Hanna Dambeck. Sie saß gestern beim Gottesdienst der Gemeinde Am Fennpfuhl ehrenamtlich an der Orgel.

Gesungen wurde viel – das Lied „Gottes Wort ist wie Licht“ auf Geheiß der weißhaarigen Orgelspielerin gleich drei Mal – „damit es dann auch alle können“. In dem schlichten achteckigen Kirchenraum dominiert ein hohes Holzkreuz. Vor ihm strahlten gestern gelbe Sommerblumen mit den Altarkerzen um die Wette. Die Predigt fiel aus, Pfarrerin Britta Albrecht-Schatta ist im Urlaub. Aber Gottes Wort war trotzdem auch gestern Am Fennpfuhl daheim. Sorgt doch die Gemeinde alljährlich mit Spenden und tätiger Hilfe mit dafür, dass „Kinder von Tschernobyl“ nach Berlin eingeladen werden können, wo sie mit Hilfe des gleichnamigen Arbeitskreises vier Ferienwochen verbringen.

25 Mädchen und Jungen sind es diesmal, die in der evangelischen Jugendbildungsstätte Hirschluch im märkischen Storkow „gesunde Kost mit Obst und Gemüse, herrliche Ausflüge und viel frische Luft genießen“ – so dankte gestern deren Betreuerin Walentina Awerina der Gemeinde, die mit ihren weißrussischen Gästen gemeinsam den Gottesdienst feierte. Die gestern noch recht blassen Mädchen und Jungen drückten ihre Freude über die Ferienzeit hier sogar singend aus. Unter den überwiegend älteren Lichtenberger Zuhörern gab es etliche, die die russischen Worte verstehen konnten. Und nicht wenige waren gerührt vom Schicksal der kleinen Gäste aus Gomel, die fast alle aus Familien mit behinderten Kindern kommen. Die kleine Nastja hat gar keine Familie mehr – der Vater ist verschwunden, die Mutter vor einem Jahr gestorben.

Von den sozialen Problemen Weißrusslands mit Alkohol, Drogen und zunehmenden Krankheiten wie Krebs als Folge von Tschernobyl berichtete der junge Slawa Andreew vom Vorstand der evangelischen Kinderschule in Gomel. Da wurde am Ende des Gottesdienstes nicht nur gern von allen gespendet, sondern aus vollem Herzen auch Gott um Hilfe für die Menschen in der zerstörten Umwelt gebeten. hema

Einen Überblick über die Berliner Gottesdienste immer donnerstags im Tagesspiegel-Veranstaltungsmagazin Ticket

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