Soul : Stevie Wonder singt in Berlin

Stevie Wonder singt nach 23 Jahren erstmals wieder in Berlin. Der große Soulman und engagierte Bürgerrechtler hat auch viel Sinn für Selbstironie. Am Dienstag ist er in der Zitadelle Spandau zu hören.

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Der große Soulman und engagierte Bürgerrechtler Stevie Wonder kommt nach Berlin.
Der große Soulman und engagierte Bürgerrechtler Stevie Wonder kommt nach Berlin.Foto: afp

Nach der zehnten Geburtstagsparty nervt der Song bereits gewaltig. Und trotzdem gibt es ständig neue Feiern, auf denen um Mitternacht unerbittlich Stevie Wonders Notenstrauß „Happy Birthday“ erklingt. Am wenigsten kann der Mann mit der schmelzenden Stimme, der am Dienstag in der Zitadelle Spandau sein einziges Deutschlandkonzert gibt, selbst dafür. Denn 1980 schreibt Wonder das Lied nicht etwa als potenziellen Partyhit, sondern widmet es dem Geburtstag des 1968 ermordeten Bürgerrechtlers Martin Luther King. „Ich habe nie verstanden, dass einem Mann, der für das Gute gestorben ist, kein Ehrentag gewidmet wird“, heißt es im Text. Sechs Jahre später erklärt der US-Kongress den dritten Montag im Januar zum Nationalfeiertag zu Ehren Kings.

Oft muss sich der heute 60-jährige Wonder auch damit abfinden, verkannt zu werden als butterweicher Balladenbarde aus dem Radio-Nachtprogramm. Denn nur die Älteren haben seine Höhenflüge in den Siebzigern miterlebt, die sprühende Clavinet-Energieladung „Superstition“ von 1972 und Alben wie „Innervisions“ und „Songs in the Key of Life“ von 1976 – Wonders funkelnde Revolution des Pop. In dieser Periode fliegt er auf den Schwingen des Soul und Funk und stößt mit seinen Sound-Experimenten auf dem Moog-Synthesizer zu neuen, genreübergreifenden Welten vor. Da hat das frühere Wunderkind, das mit zehn Jahren mehrere Instrumente spielt, ab elf als „Little Stevie“ vermarktet wird und mit 13 seinen ersten Nummer-Eins-Hit landet, schon viele Jahre im Musikgeschäft hinter sich. Und etliche Kämpfe, um sich aus der Vormundschaft seiner Plattenfirma Motown zu befreien, mit der Wonder am Ende einen für damalige Verhältnisse revolutionären Vertrag zu seinen künstlerischen wie materiellen Gunsten schließt.

In den Achtzigern kennt man den von Geburt an blinden Sänger, der seine Augen stets hinter einer Sonnenbrille verbirgt, eher durch süßliche Balladen wie „Ebony and Ivory“ mit Paul McCartney. Und besonders durch die Schnulze „I just called to say I love you“ aus dem Film „Die Frau in Rot“. Nach diesem oscarprämierten Riesenhit wird es für lange Zeit immer ruhiger um ihn. In Berlin tritt Wonder noch mal 1987 bei einem verregneten und nur sehr mäßig besuchten Konzert in der Waldbühne auf.

Sein Engagement für die schwarze Bürgerrechtsbewegung führt er stetig fort. Auch Barack Obama wird von ihm im Wahlkampf unterstützt, und Wonder veröffentlicht zu dessen Amtseinführung den Song „All about the Love again“. Ein Statement ganz nach Wonder-Art: Liebe als weltumspannende, innere und äußere Grenzen einschmelzende Friedensmacht. Wie groß sein Herz tatsächlich ist, beweist der Sänger mit dem strahlenden Lachen noch auf andere Weise: Im Umgang mit den teils sehr populären Stevie-Wonder-Witzen, die seine Blindheit aufs Korn nehmen. Sein ausgeprägter Sinn für Mutterwitz und Selbstironie tritt nicht nur bei seinen Gesangsduetten mit Grobi von der Sesamstraße zutage, sondern ließ ihn an einigen Blinden-Sketchen im Fernsehen sogar selbst teilnehmen.

2005 veröffentlicht Wonder das hochgelobte Comeback-Album „A Time to Love“. Darauf auch die funkige Single So what the Fuss“, bei der ihn Prince an der Gitarre begleitet. Das musikalische Multitalent aus Minneapolis, der vor einer Woche ein fulminantes Konzert in der Waldbühne gab, ist ein alter Freund von Wonder. „Wenn Stevie irgendwo spielt, und er weiß, ich bin in der Nähe, lädt er mich ein, und ich bringe dann meine Gitarre mit“, sagt Prince, der am Dienstag aber selbst ein Konzert in Linz gibt. Schade. Doch auch so dürfte die Zuschauer in der Zitadelle ein „wonderbarer“ Abend erwarten, denn Wonder gilt nicht nur als echter Soulman, sondern auch als großer Entertainer.

- Zitadelle Spandau, Dienstag 19 Uhr,

78 Euro

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