Spenden : Zu Weihnachten werden Berliner zu Engeln

Weihnachten zeigen sich die Berliner gegenüber ihrer Stadt und deren Institutionen spendabel. Nicht nur in Museen und Rathäusern oder in Zoo und Tierpark stapeln sich die Geschenke.

 Christoph Stollowsky
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Für die Pfleger wie Reimon Opitz gibt es Pralinen von Zoofans, für die Tiere Obst.Foto: ddp

Da hat der Regierende Bürgermeister die Bescherung. Eine große Kiste, randvoll mit Festtagskarten, steht in der Senatskanzlei im Roten Rathaus. Doch „Frohe Weihnachten“ wünschen Klaus Wowereit fast nur Firmen und Verbände – ein paar nette Zeilen von Bürgern sind selten. Ganz zu schweigen von Weinflaschen oder Selbstgebasteltem. Das übersenden die Berliner ihrem Regierungschef so gut wie gar nicht. Wer in der Stadt die Mülltonnen wegrollt, hat zu Weihnachten wesentlich bessere Aussichten. Kleine Aufmerksamkeiten und Trinkgelder für die Männer in Orange – das gehört zur Tradition vor Heiligabend. Man könnte eine Rankingliste anfertigen, wer in der Politik, im öffentlichen Dienst und bei den Kirchen von der Bevölkerung in diesen Tagen übergangen oder üppig bedacht wird. Die Faustregel lautet: Je näher am Bürger dran, umso mehr Präsente.

Am Montag stand beim Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), „ein regelrechtes Christkind mit der Geige“ vor seiner Bürotür. Es war die siebenjährige Annika mit ihrem Vater. Die Kleine hatte den Rixdorfer Weihnachtsmarkt „ganz toll“ gefunden, der im Rathaus organisiert wird. Dafür wollte sie sich unbedingt bedanken. Sie geigte dem Bürgermeister was und überreichte ihm drei Schokostückchen aus ihrem Adventskalender.

Die liegen nun auf Buschkowskys Gabentisch neben Lebkuchen, Obstlern und einem Stollen, den Bewohner der Schillerpromenade vorbeigebracht haben. Dort gab es Zoff und Lärm auf der Straße. Der Bezirk sorgte für Ordnung. Dafür zeigten sich die Anlieger erkenntlich. „Die meisten Geschenke bekommen wir von Bürgern, die keinerlei Geschäftsbeziehungen zu uns haben“, sagt Buschkowsky. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Als die neue CDU/FDP-Koalition das umstrittene Betreuungsgeld beschloss und er es scharf kritisierte, standen danach Sträuße auf seinem Tisch.

Auch bei der Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Monika Thiemen (SPD), gibt es Sträuße und Pralinen, die ins Bürgermeisterbüro gebracht wurden. Und Kekse dankbarer Exiliraner, denen der Bezirk geholfen hat. Den „ganzen Segen“ hat sie an Sekretärinnen verteilt oder ans Sozialwesen gegeben. Weinflaschen eignen sich gut für Seniorenfeste. „Mehr annehmen dürfen wir hier gar nicht“, sagt die Bezirksbürgermeisterin und wird einen Moment lang ganz ernst. Bestechungen müsse man verhindern. Dann zitiert sie den sogenannten Geschenkekodex für den öffentlichen Dienst in Berlin. Dessen Mitarbeiter sowie politisch Verantwortliche dürfen nur „geringwertige Wirtschaftsgüter“ entgegennehmen. „Wie Kugelschreiber, Kalender und so“, sagt Monika Thiemen. Einmal wurde sie hellhörig, da wollte ein Lebensmittelgeschäft drei Kisten Sekt zum Fest gratis vorbeibringen. Monika Thiemen lehnte ab. Jetzt lässt sie prüfen, „ob dahinter vielleicht eine Korruptionsabsicht steckt“.

Das Wörtchen „Geschenk“ stammt von (Ein)schenken ab, vom Brauch des Bewirtens. So gesehen muss kein Staatsdiener ein schlechtes Gewissen haben, wenn er ein bisschen Schokozeug oder Alkoholika einsackt. Auch nicht die Müllmänner von der BSR, die jetzt vielerorts ein Fläschchen, ein Couvert und ein paar warme Worte bekommen. Bei der Stadtreinigung kann man dabei allerdings leicht zu viel des Guten tun. Offiziell sollten nur fünf Euro im Umschlag stecken. Mehr Trinkgeld darf ein BSR-Mann nicht annehmen. Und Sachgeschenke? Die dürfen nicht teurer als zehn Euro sein. Auch so lässt sich Bescherung interpretieren. Es ist vom mittelhochdeutschen Begriff „beschern“ abgeleitet. Das bedeutet: verhängen, zuteilen.

Noch strikter geht es bei Polizei und Feuerwehr zu. „Ganz klar, wir dürfen nichts annehmen“, heißt es dort. Was bleibt, sind anerkennende Schreiben. „Menschen bedanken sich für einen raschen medizinischen Beistand, einen leergepumpten Keller“, so die Feuerwehr. Und bei der Polizei zitiert man gerne solche Lobeszeilen: „Danke für Ihre besonnene Unfallaufnahme. Sie haben mich gut beraten und beruhigt.“ Da ist der Umgang mit Geschenken im Zoo und Tiergarten oder in Berlins Museen doch wesentlich lockerer. Nur für größere Präsente wie Kunstwerke werden Überlassungsverträge abgeschlossen. Siegmar Naser, Kustos der Ost- und Nordasiensammlung der Museen Dahlem, gerät ins Schwärmen, wenn er eine der letzten Schenkungen schildert. „Vor ein paar Tagen überließ uns eine 85-Jährige eine wundervolle Chinakarte von 1913.“ Im Märkischen Museum freut sich Sammlungschefin Martina Weinland über Zinnsoldaten, die ihr der CDU-Politiker Uwe Lehmann-Brauns aus seiner Kollektion vermachte. Und im Gründerzeitmuseum Mahlsdorf brachte ein Besucher jüngst eine Schreibmaschine aus dem 19. Jahrhundert vorbei.

Zoo und Tierpark bekommen alljährlich aus Vermächtnissen und Spenden mehr als eine Million Euro zusammen. Doch hier freut man sich auch über kleine Zuwendungen wie Äpfel, die Kleingärtner zentnerweise vorbeibringen. Oder über Weihnachtsüberaschungen für die Menschenaffen. „Diese Zeremonie hat Tradition“, erzählt Pfleger Reimon Opitz. „Ältere Stammgäste bringen an Heiligabend Trauben und andere Leckereien für die Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans mit. Und für die Pfleger selbstgebackene Trüffel. „Der Hit“, sagt Opitz, „ist das alljährliche Mitbringsel einer Seniorin: Dreißig Bananen mit Schokoüberzug. Die werden gerecht an die Affen verteilt, obwohl sie ja eigentlich nichts Süßes bekommen sollen.“

Auch im Berliner Tierheim freut man sich derzeit über die Weihnachtskonjunktur. Geschenkpakete stapeln sich mit Decken, Tierspielzeug oder Futter. Am Montag fuhren zwei bis unters Dach beladene Kombis vor. Alles Spenden, die ein Tennisklub gesammelt hatte.

Pastorin Gabriele Helmert von der Lichterfelder Paulusgemeinde freute sich unterdessen über ein anderes Präsent. Eine Familie ließ eine acht Meter hohe Tanne im Vorgarten fällen und als Weihnachtsbaum zur Kirche am Hindenburgdamm schaffen. „Als Dankeschön für unsere seelsorgerische Betreuung bei schönen und traurigen Ereignissen“, sagt die Pfarrerin. Was ist ein Geschenk für Gabriele Helmert? „Etwas, bei dem mir das Herz aufgeht“, sagt sie. „Man kann ja vieles schenken, Vertrauen, Aufmerksamkeit, Liebe – oder Zeit. Zum Beispiel, wenn sich Menschen ehrenamtlich engagieren.“

Doch auch ein Geldsegen tut Berlin oft gut. Der kommt von Sponsoren wie Peter Dussmann, der Millionen zur Sanierung der Staatsoper gibt, oder den Stadtmöblierern Wall. Zurzeit erstrahlt der Ku’damm dank Wall im Weihnachtslicht, im Frühjahr lässt die Firma wieder 79 Brunnen sprudeln. Und an der Kreuzberger Jens Nydahl Grundschule bezahlt Wall für 60 Migrantenkinder den wöchentlichen Förderunterricht. Wenn man es recht bedenke, heißt es im Roten Rathaus, sei ja auch das ein Geschenk von Bürgern für den Regierenden. Aus der Landeskasse könnte er es wohl nicht bezahlen.

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