Spielstopp : Casino Berlin unterm Fernsehturm

Das Casino Berlin ist aus dem Park Inn unter den Fernsehturm gezogen. Nun gibt es bis auf Weiteres keine Spieltische mehr.

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Cash bei King Kong. In den neuen Räumen des Casinos Berlin in der Panoramastraße am Alex dominieren einarmige Banditen statt zweiarmiger Croupiers. Foto: Thilo Rückeis
Cash bei King Kong. In den neuen Räumen des Casinos Berlin in der Panoramastraße am Alex dominieren einarmige Banditen statt...

Das einzige, was sich bewegt, sind die Lichter der Automaten. Es flirrt und klingt, Sterne, Münzen, Flammen ploppen neonfarben aus allen Ecken. Die Lichter laden zum Spielen ein – Bingo, King Kong Cash, Money Burn, Hot Shot, Big Ben und so weiter, Einsatz: ein Cent aufwärts. Ein virtueller weiblicher Croupier mit tiefem Dekolleté lädt auf einem Monitor zum elektronischen Black Jack. Kay-Uwe Rose, Direktor des Casinos Berlin, führt durch die Reihen mit den 195 blinkenden Apparaten, er zeigt die überfallsicheren Kassen, die gläserne Raucherkabine mit Luftabzug, den rot leuchtenden Fahrstuhl, die von Künstlern gestalteten Wände. Nur eines kann er nicht zeigen: Spieltische für Roulette, Poker und Black Jack.

Seit das Casino Berlin kürzlich aus dem 37. Stock des Park Inn Hotels aus- und in die neuen Räume am Fuß des Fernsehturms eingezogen ist, gibt es das sogenannte klassische Spiel nicht mehr – und zwar bis auf Weiteres. 35 Croupiers bekamen am 30. September von der Geschäftsführung per Brief mitgeteilt, dass sie mit sofortiger Wirkung von der Arbeit freigestellt seien, bei Fortzahlung der Bezüge. „Uns wurde gesagt, wir brauchen uns erstmal gar nicht mehr zu melden“, erzählt einer.

Die Geschäftsführung begründet den Spielstopp mit Sicherheitsbedenken. Die neue Betriebsvereinbarung zur Videoüberwachung mache es unmöglich, das klassische Spiel im Einklang mit dem Berliner Spielbankengesetz zu betreiben, sagt Wilfried Kämer, Geschäftsführer der Firma Neue Deutsche Spielcasino, einer Tochter der Duisburger Westspiel-Gruppe, die das Berliner Casino betreibt. „Fadenscheinig“ nennt die Gewerkschaft Verdi diese Begründung. Gewerkschaft und Betriebsrat befürchten, dass die Geschäftsführung das klassische Spiel im Zuge des Umzugs automatisieren und Personal abbauen will. 2006 wurde bereits acht Mitarbeitern betriebsbedingt gekündigt.

Vorausgegangen ist eine monatelange Auseinandersetzung zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat. Im März dieses Jahres wurde das Berliner Spielbankengesetz um den Paragrafen „visuelle Überwachung“, ergänzt. Damit wurden die gesetzlichen Anforderungen an die Videoüberwachung verschärft: Auf den Videos müssen demnach die Gesichter aller Mitarbeiter und Besucher identifizierbar sein. Bisher mussten auf den Bildern lediglich die Geldflüsse erkennbar sein. In den vergangenen Monaten konnten sich Geschäftsführung und Betriebsrat nicht auf eine Betriebsvereinbarung zur Videoüberwachung einigen.

Deshalb entschied am 25. September eine Einigungsstelle, ihr Spruch ist nun als Betriebsvereinbarung gültig. Nach Ansicht des Betriebsrates entspricht die Vereinbarung den Vorgaben des Gesetzes. Laut Informationen von Verdi ist ein strittiger Punkt die vom Betreiber geplante Live-Überwachung; es heißt, die Daten sollen an einen Videoleitstand nach Duisburg übertragen werden. Geschäftsführer Kämer will zu Details keine Angaben machen. Nur soviel sagt er: „Es geht vor allem um die Frage, wie wir die Daten nutzen dürfen.“ Der Geschäftsführung gehe die Vereinbarung nicht weit genug, weshalb man sie vor dem Arbeitsgericht anfechten werde. Eine entsprechende Begründung sei in Arbeit.

So lange gibt es im neuen Casino Black Jack und Roulette nur am Automaten, Poker gar nicht. Den „spannendsten Spielplatz der Stadt“ hatte Direktor Kay-Uwe Rose vor der Eröffnung angekündigt, 4,8 Millionen Euro hat Westspiel in den neuen Standort investiert. Statt Spannung und Glamour gibt es jetzt viel Platz in den beiden buntbemalten Stockwerken. Nur vereinzelt sitzen Gäste an den Geräten. Ein grauhaariger Mann versucht am automatischen Roulette-Tisch alleine sein Glück, vor sich ein Glas Bier.

Geschäftsführer Kämer betont, das klassische Spiel beibehalten zu wollen. Allerdings prüfe die Geschäftsführung durchaus die Option, es zu automatisieren. Der Spielstopp bedeutet erhebliche finanzielle Einbußen – für das Unternehmen und für die Stadt, die 40 Prozent des Bruttospielertrags kassiert. 2009 lag der Bruttospielertrag des Casinos Berlin bei etwa elf Millionen Euro; davon kamen 1,8 Millionen aus dem klassischen Spiel.

Der Spielstopp wird für das Casino unterdessen schon jetzt zum immensen Imageproblem. Mitarbeiter beobachten Stammgäste, die frustriert wieder gehen, in Spielerforen im Internet finden sich bereits mehrere Berichte enttäuschter Besucher. Das Spektakel um die Neueröffnung hatten sich vermutlich alle Beteiligten anders vorgestellt.

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