Sprechende Shirts : Modemacher stricken Kleidung aus Worten

Im Designgeschäft Berlinomat steht eine "Voice Box", die aus Lauten Strickmuster für garantiert einzigartige Kleidungsstücke generiert. Auf der nächsten Fashion Week soll die Idee gezeigt werden.

Jörg Oberwittler
Aufnahmestudio.
Aufnahmestudio.

„Eine Stimmmelodie ist einzigartig wie ein Fingerabdruck“, sagt Modedesignerin Magdalena Kohler, 28, und winkt den Besucher in eine weiße Kabine, die aussieht wie eine Telefonzelle. Nur ohne Fenster, dafür schalldicht und mit einem Tastenbildschirm, auf den sie nun drückt und der „Voice Box“ damit Leben einhaucht. Das Bildschirmmenü gibt Pullover, Kapuzenschals, Stulpen, Tücher und sogar Leggins zur Auswahl. Anschließend zieht die Österreicherin ein Mikrofon aus der Halterung – und nun bleiben bis zu drei Minuten, ein individuelles Strickmuster zu „bestimmen“.

Ob hoch, tief, knarzig, klar, laut oder leise: Der Computer erfasst die gesamte Stimmfrequenz. Der auf den Bildschirm erscheinende Pegelausschlag fällt mal höher, mal niedriger aus. Erinnert an eine stilisierte, zur Seite gekippte New-York-Skyline. Der Laie kann zwar nicht erkennen, ob ein Mann oder eine Frau gesprochen hat, doch das Ergebnis ist garantiert einzigartig. Im Anschluss wird es im thüringischen Apolda gestrickt und trifft nach drei Wochen als Paket zu Hause ein. Den Namen „Trikoton“ leiten die Macher aus dem französischen Verb für „Stricken“ ab.

Die Voice-Box steht im Laden „Berlinomat“ in Friedrichshain, in dem viele Designer Kleidung, Schmuck und Wohnaccessoires an die Kundschaft bringen können. Manche Kunden gehen zu zweit in die Kabine und hinterlassen eine romantische Botschaft. „Eine ältere Frau hat für ihren Sohn einen Brief eingesprochen, ein anderer ein Gelübde, mit dem Rauchen aufzuhören“, erzählt Kohler. Der Clou: Jedes Kleidungsstück hat einen Zahlencode im Etikett. Mit diesem kann der Beschenkte im Internet die Audiodatei abhören und so erfahren, was er auf der Brust oder am Hals durch die Gegend trägt. „Erst diese Abhörmöglichkeit schafft das Persönliche“, sagt Kohlers Kollegin, die Designerin Hanna Wiesener, 29. Das alles hat allerdings seinen Preis: Ein Pullover kostet bis zu 179 Euro, einen Schal gibt es für 59 Euro. Neben persönlichen Nachrichten verstricken die Designerinnen auch Zitate von Schriftstellern und Musikstücke.

Die Idee zu den stimmungsvollen Kleidungsstücken entwickelten sie als Studentinnen bei einem Projekt an der Universität der Künste. Thema: „Alte Handwerkskünste und digitale Techniken verknüpfen.“ Die Frauen verkabelten einen Computer mit einer mechanischen Haushaltsstrickmaschine aus den Siebzigern. Den Testlauf starteten sie auf einem Festival für Kunst mit elektronischen Medien, auf dem die Besucher Audiobotschaften direkt einsprechen konnten. So war die Geschäftsidee vor gut einem Jahr geboren.

In der Startphase half das Gründerstipendium „exist“ des Bundeswirtschaftsministeriums, inzwischen arbeiten sie mit einer Marketingfachfrau und einem IT-Experten zu viert daran, das Label bekannt zu machen. Erste Anfragen treffen bereits aus Großbritannien und den USA ein. Im Februar werden die Designerinnen auf der Fashion-Week in New York vorstellen. Ob die Idee irgendwann alle ernähren kann – da zögern beide und lachen, „Wir hoffen schon“, sagt Wiesener. „Auf jeden Fall haben wir alter Handwerkskunst neues Leben eingehaucht, und schon das ist ja ein Gewinn.“ Jörg Oberwittler

Berlinomat, Frankfurter Allee 89, Friedrichshain, nahe U-Bhf. Frankfurter Allee. Mehr Details unter www.trikoton.com

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