Staatsballet : Der Prinz trägt Gaultier

Das Staatsballett probt "Schneewittchen“. Die Kostüme dafür entwarf der berühmte Designer aus Paris

Grit Thönnissen

Die Hose muss sitzen. Deshalb steht Michael Banzhaf ganz still und lässt sich von oben bis unten mustern. Es ist der Albtraum jedes Balletttänzers, wenn auf der Bühne die Hose im Schritt kracht – im Moment der größten Anmut, wenn der Tänzer mit gestreckten Beinen in der Luft zu schweben scheint. Der Solotänzer vom Staatsballett Berlin probiert für „Schneewittchen“ sein Kostüm im verspiegelten Ballettsaal der Staatsoper an. Die Kostümdirektorin Dorothea Katzer betrachtet Banzhaf vom anderen Ende des Raumes, kneift die Augen zusammen und schüttelt den Kopf: „Die Stickerei wird man auf der Bühne nicht sehen.“

Das Ballett „Schneewittchen“, das am 26. April Premiere feiert, ist ein farbenfrohes Märchen für Erwachsene, da müssen auch die Kostüme die Charaktere der Figuren unterstützen. Zum Glück hat sich jemand des Entwurfs angenommen, der schon für Regisseure wie Pedro Almodóvar, Luc Besson und Peter Greenaway ausdrucksstarke Kostüme entworfen hat und auch in der Mode seit Jahrzehnten immer für Begeisterung sorgt – der Pariser Designer Jean Paul Gaultier.

Obwohl er inzwischen 56 Jahre alt ist, wird er gern „Enfant terrible“ genannt. Wahrscheinlich weil er immer noch Werbung in blau-weiß geringelten Hemden macht und wilde Kleidung entwirft. In ein paar Wochen müssen die Kostüme fertig sein, dann kommt Gaultier nach Berlin. Dorothea Katzer hat sich vorgenommen, die Ideen des Designers „zu 100 Prozent umzusetzen“. Für die Aufführung werden alle Kostüme noch einmal angefertigt, die sich Gaultier für die Uraufführung des Choreografen Angelin Prelijocaj im südfranzösischen Aix-en-Provence voriges Jahr ausgedacht hat.

Für ein Kostüm zeichnete Gaultier bis zu 150 Entwürfe, das Ergebnis kann sich Dorothea Katzer jetzt in „der Bibel“ anschauen. So nennt sie das Album, das auf den Knien ihres Produktionsassistenten liegt. Alles ist dokumentiert: Fotos der Tänzer in den ersten Entwürfen, Stoffproben, genaue Beschreibungen der Materialien, Detailaufnahmen der Kopfbedeckungen, Schuhe und Korsagen.

Gerade wird auf die aprikosenfarbene Hose des Prinzen eine goldene Blütenstickerei geheftet, später bindet ihm die Gewandmeisterin Monika Kiesewetter ein abstehendes Gestell um die Schulter, eine Mischung aus einem Torero-Umhang, der Polsterung eines Eishockeyspielers und dem Gerippe einer Epaulette. Fantasiegebilde dieser Art tauchen immer wieder bei den Haute-Couture-Schauen von Jean Paul Gaultier auf. Und am Körper von Madonna, für die er 2006 die Bühnenkostüme entwarf.

Eine Tänzerin in dicken Thermoschuhen schlappt vorbei: „Wer bist du denn?“, fragt sie. Michael Banzhaf reckt sein Kinn noch ein wenig höher. „Der Prinz.“ Auch dem Solisten gefällt sein Kostüm: Den Schulteraufbau würde er sich gern mal für das Nachtleben ausleihen.

Das Kostüm muss wie eine zweite Haut jede Bewegung zulassen und trotzdem soll es etwas erzählen. Die Schwiegermutter in schwarzer Lackkorsage und hohen Lederstiefeln mit Schulterspoilern wirkt niederträchtig, aber auch verlockend böse. Schneewittchen trägt Weiß und wirkt unschuldig schlicht. Zur Hochzeit wird ihr ein Krinolinengestell übergestülpt und auch der Prinz wird von Auftritt zu Auftritt prächtiger ausgestattet.

Die Proben für das Pas de deux findet Matthias Banzhaf richtig gefährlich: „Ich wirble meine Partnerin minutenlang durch die Luft, dabei muss sie die Augen geschlossen haben, weil sie in der Szene tot ist.“ Er hofft nur, dass sich sein Schneewittchen nicht im Reißverschluss seiner Hose verhakt. Aber da wird Dorothea Katzer sicher noch bis zur Premiere am 26. April Abhilfe schaffen.

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