Stadtführung : Und immer blubbert die Wasserpfeife

Eine Stadtführung bringt Berlinern und Touristen das arabische Leben des Neuköllner Kiezes nahe. Im El-Salam Orientcafé gibt’s Kaffee und Anistee. Und auch das Shisharauchen kann man probieren.

G,a Bartels
Orientcafe
El-Salam Orientcafé an der Sonnenalle -Foto: Thilo Rückeis

Friseursalon Goldene Finger, Al Sundus Lingerie, El-Salam Fleischerei oder El-Dai'a Snack – das klingt so sehr nach geheimnisvollem Orient, dass sich kaum ein Deutscher in die arabischen Läden auf der Sonnenallee traut. Das Ehepaar Sorge aus Rudow kennt die Straße noch von früher, da sei sie „weniger schmuddelig“ gewesen. Jetzt wollen die beiden sportiven Mittsechziger „mal schauen, wie’s hier wirklich ist – und Berührungsängste mit den Arabern abbauen“, wie sie selber sagen

An die 30 Leute knäulen sich an diesem Vormittag an der Ecke Hermannplatz und Sonnenallee. Das ist der Treffpunkt für die Stadtführung durch das arabische Neukölln, die Integrationshelferin Abeer Arif seit dem vergangenen Winter anbietet. Das Publikum ist bunt gemischt: Studenten sind gekommen, aber auch Rentner, außerdem sind eine Bremerin, ein Amerikaner und Brandenburger vertreten. Hilde Pohlmann, Soziologin aus Prenzlauer Berg, möchte als Deutsche „mal neugierig auf Ausländer sein und das nicht nur von denen fordern“. Und den Eindruck überprüfen, ob man in Neukölln denn wirklich Polizeischutz braucht.

Integration mal andersherum ist das Ziel von Stadtführerin Abeer Arif, 44. Die Irakerin mit dem deutschen Pass lebt sein 1996 in Berlin. Im Irak war sie Berufsschullehrerin; hier arbeitet sie im Quartiersmanagement Hallesches Tor. „Da versuche ich, arabische Eltern zu Hause rauszuholen und mit deutscher Sprache, Gesetzen, Sitten und Menschen vertraut zu machen.“ Und bei der Führung „integriere ich die Deutschen dann in die arabische Welt“. Die Idee dazu hatten das Arabische Kulturinstitut und das Museum Neukölln, das die Touren auch veranstaltet.

Dann geht es stracks zur ersten Station, dem El-Salam Orientcafé. Leider hat es zu. Dabei sei sie gestern extra da- gewesen, um die Gruppe anzukündigen, meint Abeer Arif. „Aber so sind die Araber“, lacht sie und stimmt damit unwissentlich zwei Zehlendorferinnen zu, die nach dieser „orientalischen Panne“ schon die Nase voll haben und abdrehen.

Die anderen lassen sich nicht so leicht entmutigen. Sie zwängen sich neugierig in den Copyshop Al Anwar, wo zwei arabische Twens Anekdoten erzählen. Die Sonnenallee nennen sie Klein Beirut. Arif fragt sie, wie sie leben, ob der Laden läuft, wer ihre Kunden sind. Und dann dürfen die Deutschen ran. Was die goldenen Lettern über dem Tresen heißen, will einer wissen. „Das sind alles Prophetennamen“, sagen die beiden. „Stimmt nicht“, korrigiert Abeer Arif, „könnt ihr kein Arabisch?“ „Nö“, antworten sie, „das mögen wir nicht.“ Sie seien hier aufgewachsen, da gehöre es sich, die Muttersprache Deutsch zu sprechen. Die Gruppe lacht; Arif ist entsetzt über so viel Kulturvergessenheit. Dann folgt ein heißes Wortgefecht über das Zusammenleben mit Deutschen und Türken. Letztere seien „Bauern vom Dorf, die anders denken als wir“, sind die Jungs überzeugt. Prompt spaltet sich die Gruppe in Befürworter und Gegner dieser gewagten These.

Beim Fleischer, Lebensmittelhändler, im Haushaltswarenladen und dem inzwischen geöffneten Orientcafé geht’s dann weniger politisch, sondern folkloristisch zu. Abeer Arif erklärt Spezialitäten, singt arabische Lieder, und alle bekommen arabischen Kaffee, Anistee und die blubbernde Wasserpfeife, die Shisha, zu kosten. „Mit Apfelgeschmack“, erklärt der libanesische Besitzer Abu Chukri, der seit 1976 mit seiner Großfamilie in Berlin lebt, wenig Deutsch spricht, aber dafür eine deutsche Sekretärin hat. Anlass für eine erneute Debatte rund um’s Thema Einwanderung und Sprache, die aber schnell im Tausendundeine-Nacht-Flair versinkt. „Frau Arif hat Charme, aber das ist jetzt ein bisschen wie auf einer Butterfahrt“, kommentiert Hilde Pohlmann. In der Tat ist Einkaufen Teil der Tour. Das Ehepaar Sorge hätte gerne noch mehr von den 55 arabischen Geschäften gesehen, die zwischen der Sonnenallee 1 und 106 liegen. Aber ein Anfang, sich mehr zu begegnen, sei es auf jeden Fall.

Das hat Abeer Arif schon oft erfahren. Letztes Mal sei ein Jude dabei gewesen, der laut über Souvenirs aus Palästina in einem Laden geschimpft habe, erzählt sie. Er ging die vier Stunden aber bis zum Ende mit und nach dem gemeinsamen Essen sagte er: Das sei das erste Mal gewesen, dass er Araber nicht gefürchtet habe. „Und als er dann später noch Fotos von der Führung haben wollte, war ich froh.“

Die nächste Tour durch das arabische Neukölln findet am 18. September statt. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.museum-neukoelln, Anmeldungen unter Tel. 68 09 25 35. Die Tour kostet 5 Euro.

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