Stadtführungen : Auf die besondere Tour

Heute ist Welt-Stadtführertag. In Berlin ist das Programm der Guides so vielfältig und lehrreich wie nirgendwo sonst.

Daniela Martens

Thomas-Dietrich Lehmann ist kein Achtundsechziger. „Dafür bin ich zu jung“, sagt er. Nämlich 52. Trotzdem hat er ein ganz besonderes Verhältnis zu Rudi Dutschke, dem bekanntesten Vertreter der Studentenbewegung: Lehmann ist der wohl eifrigste Besucher an Dutschkes Grab auf dem Sankt-Annen-Kirchhof in Dahlem. Meistens kommt er rein beruflich. Lehmann ist Stadtführer. Sein Spezialgebiet: Touren zu den Orten, die in Dutschkes Leben eine Rolle spielten und an denen sich die Studentenunruhen in den sechziger Jahren abspielten. Klar, dass ein Besuch beim Grab zum Pflichtprogamm gehört.

Heute ist Welt-Stadtführertag. Oder auch: Welt-Gästeführertag. Damit wird eine Branche geehrt, die gerade in Berlin unverzichtbar ist. Und die nirgendwo sonst in Deutschland dermaßen vielfältig ist. 350 Guides bieten hier Führungen an – und längst nicht nur für Touristen (siehe Infokasten). Auf hunderten Thementouren können die Berliner neue Aspekte ihrer Stadt entdecken und sich wundern, was sie bisher alles nicht wussten. „Jeder, der hauptberuflich in Berlin als Guide unterwegs ist, hat ein Spezialgebiet“, sagt Annika Bless vom Verband der Berliner Stadtführer. Manche bringen ihre Gruppen zu den Stätten, an denen während der Nazizeit Prunkbauten der Reichshauptstadt „Germania“ entstehen sollten. Andere haben sich auf versteckte Parkanlagen mitten in der Stadt oder sonderbare Kunst im öffentlichen Raum spezialisiert. Und wieder andere laufen mit ihrer Gruppe den einstigen Verlauf der Mauer ab. Über mitgebrachte Kopfhörer hören die Teilnehmer dabei Presslufthammergeräusche. Das sind die Original-Töne der Bauarbeiten von 1961.

Der Verband der Berliner Stadtführer bietet heute zum Welt-Stadtführertag kostenlose Touren an. Das Motto: „Brücken schlagen – Brücken bauen.“ Treffpunkt für alle Touren ist um 14 Uhr der Washingtonplatz am Hauptbahnhof. „Wir hoffen auf einen Lindwurm aus Menschen entlang der Spree“, sagt Annika Bless. An jeder Brücke steht ein Führer und hat etwas ganz Spezielles zu erzählen.

„Mein Potsdamer Platz ist der Platz vor dem Steglitzer Rathaus“, hat Franz Kafka einmal gesagt, als er in Berlin lebte. Das erfährt man, wenn man eine der regelmäßigen Touren desVeranstalters „Stattreisen“ bucht. Der Titel der Kafka-Führung lautet passenderweise „Glücklich krank nach Steglitz“. Überhaupt gibt es für Literaturfans eine Menge Angebote: Touren auf den Spuren von Grass, Tucholsky, Heine, Schiller und immer wieder Brecht und Fontane bieten Veranstalter an. Man kann etwa die Apotheke im ehemaligen Krankenhaus Bethanien ansehen, dort hat Fontane am Ende seines Lebens gearbeitet.

Auch Cineasten finden Spezialtouren: Die „Diven-Tour“ bringt Fans alter Filme zu den ehemaligen Wohnorten deutscher Filmstars wie Zarah Leander, Brigitte Horney, Romy Schneider und Hildegard Knef. Dabei erfährt man Brisantes – etwa, dass die ihre Miete irgendwann nicht mehr zahlen konnte.

Für Berlinentdecker, die es wissenschaftlicher mögen, gibt es Führungen durch die Charité. Und wer das Obskure sucht, kann Spuren von Verbrechern finden: „Die Führungen zum kriminellen Berlin sind bei uns besonders beliebt“, sagt Ulrich Kratz-Whan von dem Veranstalter Stadtverführer. Dabei erfährt man zum Beispiel die Geschichte von „Muskel-Adolf“, einem bekannten Kriminellen aus den zwanziger Jahren. Er gehörte zu einem der so genannten Ringvereine, die unter dem Deckmantel von Sportclubs Verbrechen verübten – in der Gegend rund um den Rosenthaler Platz. So führen die Touren etwa in die Mulackzeile. Dort lag früher die Stammkneipe von „Muskel-Adolf“: die „Mulackritze“. Weiter geht es dann zum Sühnekreuz im Nikolaiviertel. Dort wurden im Mittelalter Diebe zur Strafe für Stunden festgebunden. Und die Berliner bewarfen sie mit faulen Eiern.

Die flogen auch ein paar hundert Jahre später wieder und zwar auf das Amerika-Haus. „Das war bei den Studentenunruhen der Sechziger die erste Adresse für einen Eierwurf gegen eine Hauswand“, sagt Dutschke-Experte Lehmann. Deshalb führt er seine Gäste auf der Dutschke-Tour immer dorthin. Damals gehörte es zur amerikanischen Botschaft und war für die Studenten ein Symbol des Kapitalismus. Heute ist dort eine Ausstellung über die Achtundsechziger. Viele von Lehmanns Gästen finden dort die eigene Vergangenheit wieder. „Ich führe oft Leute auf einer Erinnerungstour. Die kennen die Geschichten manchmal besser als ich.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben