Stadtleben : Styling und Skelette

Carmen Santos und Raphael Meyer können kein Deutsch – wissen aber, welche Mode Berlin braucht. In der Gipsstraße haben sie ihr Geschäft eröffnet und verkaufen dort europäische Designerware.

Grit Thönnissen
Geometry
Carmen Santos arbeitete viele Jahre in New York und betreute Calvin Klein, Raphael Meier arbeitete als Grafikdesigner in Paris. -Foto: Dors Spiekermann-Klaas

Stell dir vor, du eröffnest einen Laden und keiner kommt hin. Carmen Santos und Raphael Meyer wissen, wovon sie sprechen, sie haben jahrelang in Paris und New York in der Modebranche gearbeitet und sind der festen Überzeugung: Diese Städte sind übersättigt, unbeweglich und zu teuer. Kurz: Dort einen Shop für Kleidung zu eröffnen, ist keine gute Idee. Deshalb versuchen sie es nun in Berlin. „Geometry“ heißt ihr neues Geschäft, das natürlich in Mitte liegt, etwas abseits in der ruhigen Gipsstraße.

Genug Erfahrungen haben die beiden: Carmen Santos arbeitete viele Jahre im Big Apple für das Nobelkaufhaus Bergdorf Goodman und betreute Calvin Klein. Raphael Meyer verdiente sein Geld als Grafikdesigner in Paris, unter anderem für die „Galeries Lafayette“.

Für die beiden ist Berlin das Paradies. Nicht nur, weil sie beschlossen haben, hier gemeinsam zu leben, sondern auch, weil sie sich trauen, das zu tun, was ihnen in Paris und New York unmöglich erschien: einen eigenen Laden zu eröffnen.

Vielleicht haben die paradiesischen Umstände auch etwas damit zu tun, dass das junge Unternehmerpaar nicht alles so genau mitbekommen hat, was an Bürokratie vor der Selbstständigkeit ansteht. Denn Deutsch sprechen die beiden nicht. Das sei aber kein Problem gewesen. „Es gab so viele Leute, die uns geholfen haben“, sagt Carmen Santos. Ihnen ist bewusst, dass so etwas wohl nur in Berlin möglich ist – in Paris oder New York ohne Französisch- oder Englischkenntnisse einen Laden zu eröffnen, wäre quasi ein Ding der Unmöglichkeit. Leicht wird es ihnen mit dem Deutschlernen aber auch nicht gemacht, denn alle sprechen Englisch mit den beiden: „Die Deutschen tun das ja so gern.“

Die Zeit drängte: Berlin verändert sich, die Mieten werden teuerer, die Menschen schicker und anspruchsvoller, da konnte das Paar nicht länger warten. Und letztlich machte es ja auch nichts, dass Raphael Meyer und Carmen Santos nur auf Englisch verhandeln können: Mit ihrem Angebot zielen die beiden eher auf Menschen mit internationalem Hintergrund wie sie selbst. Die den Charme des Unfertigen mögen, es gut finden, wie viel man in Berlin noch für sein Geld bekommt und deshalb hier sind. Verkauft wird ausschließlich europäische Designerware, zum Beispiel Anzüge von Gaspard Yurkievich aus Paris, Jacken der schwedischen Marke Won Hundred und Badehosen des Engländers John Galliano.

Geometry ist tatsächlich fast zu perfekt für Berlin. Der Auftrag an ein hiesiges Innenarchitekturbüro lautete: bloß keine unverputzten Wände, nicht improvisieren, nicht basteln, richtig viel Geld ausgeben.

Das Motto von Geometry lautet: „There is a life beyond fast-fashion and logomania.“ Das heißt übersetzt so viel wie: „Es gibt ein Leben jenseits von schnelllebiger Mode und Markenfetischismus.“ So lang wie möglich im gleichen Kleidungsstück herumlaufen zu können, das ist kein wirklich neues Anliegen von einkaufenden Männern. Wohl aber, dabei möglichst gut auszusehen und sich nicht auf dem nächsten Event in Mitte zu blamieren.

Schließlich vergeht keine Woche, in der in Mitte nicht ein neuer Shop eröffnet, zu einer Vernissage oder zum Cocktail im Modeshop eingeladen wird. Auch Raphael Meyer und Carmen Santos wollen es nicht beim Verkauf von Hemden und Hosen belassen. Dafür wären die aufwendig gestalteten Räume auch fast zu schade: dunkle Wände, behängt mit Bildern eines befreundeten Künstlers, der im Berliner Naturkundemuseum Tierschädel und Skelette fotografierte – das ist der einzige Verweis auf Berlin. Vor den großen Fenstern stehen dunkle Spiegelwände: „Wir wollen nicht, dass die Passanten von außen hereinschauen können.“

Geometry, Gipsstraße 23, Mitte, Dienstag bis Sonnabend, 12 Uhr bis 19 Uhr.

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