Stadtmaler : Die Kunst des Weihnachtsbummels

Maler André Krigar hält den Alltag der Berliner in Öl fest. Jetzt verewigte er den Einkaufstrubel im Advent.

Lars von Törne
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Der Künstler in Aktion: André Krigar malte die Tauentzienstraße in der Vorweihnachtszeit. -Foto: Uwe Steinert

Das beunruhigt den Sicherheitsmann am KaDeWe-Eingang. Ein Mann mit dicker Wollmütze und bunt beschmierter Jacke lädt neben der Ecke des Kaufhauses seine Sachen ab, baut mit geübten Griffen flink eine Staffelei auf, öffnet einen beklecksten Koffer mit Farbtöpfen, fixiert kurz bewegungslos die Szenerie vor sich und lässt dann den Pinsel in schnellem Tempo über die weiße Leinwand gleiten. Misstrauisch tritt der Sicherheitsmann näher. Er betrachtet den Maler, dann die noch fast leere Leinwand. „Ich hoffe, ich bin kein Sicherheitsrisiko“, scherzt der Maler. Der Wachmann schaut irritiert, beginnt einen Satz: „Nee, das nicht, aber …“, hält inne, schüttelt den Kopf und verzieht sich.

André Krigar ist es gewohnt, Leute zu irritieren und Aufmerksamkeit zu provozieren. Der 56-Jährige, der nach dem HdK-Studium in den 70er Jahren mit Landschaftsbildern anfing, ist heute ein Stadtmaler im besten Sinne. Er fängt die Stimmung Berlins da ein, wo das Leben pulsiert, wo Leute vor Gebäuden und auf Boulevards flanieren. Er stellt sich mit seiner Staffelei mitten ins Leben, in die Ausgehviertel von Mitte und Prenzlauer Berg, zwischen Passanten an der Schloßstraße und am Teltower Damm. Hin und wieder baut er seine Staffelei auch mal an außergewöhnlichen Orten auf, dem Bundesrat zum Beispiel, dem Kieler Landtag oder auf dem Segelschiff Gorch Fock, auf dem er als Bordmaler mitreiste.

An einem der vergangenen Adventswochenenden hat er sich wie ein Wellenbrecher im Fluss der Weihnachtseinkäufer platziert, die an der Tauentzienstraße vor dem KaDeWe wie ein großer, breiter Strom in zwei Richtungen gleichzeitig fließen. Wer sich die Zeit nimmt erlebt, wie der Weihnachtseinkauf zur Kunst wird. Am Anfang sind es nur ein paar Ölschlieren in Braun, Blau, Türkis. Langsam wird aus dem bunten Chaos eine Struktur, wachsen die Umrisse der gegenüberliegenden Gebäude aus der Leinwand, man erkennt das Europacenter, eine Ecke der Gedächtniskirche, das Schuhhaus Leiser, die Buden vom Weihnachtsmarkt auf dem Gehweg, die winterliche Beleuchtung auf dem Mittelstreifen mit den Sternen obendrauf.

Passanten bleiben stehen, fixieren die Leinwand, dann die Stadt dahinter, vergleichen Linien und Farben. Am Anfang kommen die üblichen Kommentare. „Soweit könnte ich das auch noch“, sagt eine ältere Frau geringschätzig. Der Künstler kennt das. Vor allem in Berlin hört er viele flapsige, arrogante Sprüche, wenn er malt. Aber das kann den gebürtigen Steglitzer nicht aus der Ruhe bringen. Gerade mal zehn Minuten später, als das Bild sich langsam verdichtet, hört man so was kaum noch. Dafür zücken die Leute ihre Kameras, machen Bilder vom Maler bei der Arbeit, legen den Kopf schief, nicken anerkennend. „Toll“, sagt ein kleines Mädchen, das an der Hand seines Vaters fast zehn Minuten lang wie hypnotisiert zusieht, was auf der Leinwand passiert, während der Vater ungeduldig auf die Uhr schaut.

André Krigar bewegt sich schnell, der Arm schwingt zwischen der mit Farbtupfern bedeckten Palette und der Leinwand hin und her, ständig wippt er auf die Zehenspitzen, um über die Leinwand hinweg einen Blick auf das Treiben um ihn herum zu haben. Irgendwann wird ihm so warm, dass er trotz der Kälte die Mütze ablegt. Nachdem der Rahmen aus Straße, Gehweg und Gebäuden steht, füllt sich die Leinwand mit Leben und mit Details: der rote Feuermelder vorne rechts mit dem Fahrrad davor, die Werbetafel mit dem Shampoo-Model, der große Schuh an der Leiser-Fassade, karge Zweige über der Tauentzienstraße, und vor allem: Menschen. In dunklen Wintermantelfarben tauchen immer mehr Spaziergänger in der Bildmitte auf und scheinen sich zum Fluchtpunkt des Bildes nach links zu bewegen, einem unsichtbaren Sog folgend. Sie werden zu einer Einheit und sind doch individuell erkennbar, hier an einem Hut, da an einem roten Schal, auch mal an einer Körperhaltung, die trotz der fließenden Formen gut zu erkennen ist.

Die Passanten, die stehen bleiben, sind berührt, jeder auf seine Weise. „Ist das hübsch“, ruft eine Frau aus. „Und das macht er alles mit nur einem Pinsel“, stellt ihr Mann anerkennend fest. „Das wär’ was für unser Wohnzimmer – so von der Größe her“, sagt ein Ehepaar. Für einen Moment sind alle Blicke von den glitzernden Schaufenstern abgelenkt. Hin und wieder greift Krigar zum Spachtel, um Farbe oder Gegenstände zu entfernen, die die Komposition stören. Irgendwann fällt auch die große Bogenlampe vor dem KaDeWe dem Spachtel zum Opfer. Krigar passt Farbverläufe an, gibt hier noch etwas Rosa in den graublauen Himmel, macht dort den Baumstamm einen Hauch grüner.

Nach knapp zwei Stunden ist Schluss. Vor ihm auf der Leinwand steht ein dynamisches, vielschichtiges, vor Leben strotzendes Abbild des weihnachtlichen Einkaufsrummels. „Ich hör auf, sonst zermale ich es“, sagt Krigar. Er wirkt elektrisiert und zugleich erschöpft wie ein Sänger nach einem Solokonzert. Zwei Stunden lang hat er unter Hochspannung gestanden, hat jeden Impuls seiner Umgebung aufgenommen. „Das ist volles Risiko“, sagt er über das Malen unter freiem Himmel. „Es kommt vor, dass Bilder misslingen.“ Aber im Atelier, wo er später die letzten Feinheiten an diesem Bild nacharbeiten wird, würde es ihm einfach nicht gelingen, die Stimmung einzufangen.

Eine Auswahl von Krigars Bildern ist derzeit in der Galerie Classico zu sehen, Schützenstraße 52, Steglitz. Mittwochs bis freitags 15 bis 19 Uhr, sonnabends 11 bis 16 Uhr und nach Vereinbarung, bis 24. Januar. www.galerie-classico.de

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