STADTMENSCHEN : Geist und Lust

Eva Kalwa
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Nadja Michael

Die Tische sind mit Rosenblüten geschmückt, in den Wassergläsern schwimmen Zweige mit Johannisbeeren und Minze. Bei leisen Saxophon-Klängen trinkt man heißen Glühwein: Kalt war es auf dem Weg von der Deutschen Oper bis hierher in die Pestalozzistraße, zur privaten Premierenfeier von Nadja Michael. Die Sopranistin singt in der neuen „Tannhäuser“-Inszenierung als Venus und Elisabeth eine Doppelrolle. Etwas müssen die rund 30 Gäste am Sonntagabend nach der Premiere warten, dann erscheint die Gastgeberin und nimmt glücklich strahlend die Gratulationen entgegen.

Die knielange Mähne, in der sich noch vor nur wenigen Stunden die Männerherzen auf der Bühne verfangen haben, ist verschwunden. Privat trägt Michael ihre Haare kurz und blond. Trotz der vereinzelten Buh-Rufe, die sie und mehr noch Regisseurin und Intendantin Kirsten Harms an diesem Abend hinnehmen mussten, wirkt die 40-Jährige gelöst und glücklich. Man könne es eben nicht allen recht machen, sagt sie. „Das eigentliche Motiv für diese Rufe ist Politik – in einer Stadt mit drei Opernhäusern! Das ist vor allem schade für die Kultur.“ Befürwortet sie die Entscheidung, die dualistisch angelegten Frauenfiguren in „Tannhäuser" – hier Lust, dort Geist – von einer Person singen zu lassen? „Ja, Wagner war ein Philosoph, der uns Archetypen zeigt.“ Ihre Elisabeth bete mit fast sinnlicher Wärme, und Venus solle bei aller Sinnenfreude verletzlich wirken. Die Sängerin lächelt: „Denn erst wenn man die Gegensätze zusammenführt, wird ein lebendiger Mensch daraus.“

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