Stradivaris : Geigen wie vom Himmel

Das kommt nur alle Jubeljahre vor: Elf Stradivaris erklingen in einem Konzert der Philharmoniker.

Udo Badelt
275930_3_xio-fcmsimage-20090513204447-006000-4a0b151fdb9c2.heprodimagesfotos83120090514strad.jpg Foto: Mike Wolff
Meine Stradivari, deine Stradivari. Matthew Hunter (l.) und Rüdiger Liebermann mit ihren legendären Musikinstrumenten. -Foto: Mike Wolff

Für Matthew Hunter und Rüdiger Liebermann ist dies kein gewöhnlicher Nachmittag. Eben haben die beiden Philharmoniker mit ihrem Orchester noch regulär geprobt. Doch gleich werden sie eine zweite Probe hinterherschieben, auf der ein Dutzend Streicher mit einer Ausnahme ausschließlich auf Instrumenten von Antonio Stradivari spielen. So etwas macht man nicht jeden Tag. Jetzt bleibt den beiden gerade mal Zeit für ein kurzes Mittagessen, und selbst auf das können sie sich kaum richtig konzentrieren.

Stradivari – der Name des norditalienischen Geigenbaumeisters (um 1644 bis 1737) hat fast so viel Klang wie die Instrumente, die er gebaut hat. Sie gelten als die besten der Welt, doch warum das so ist, hat selbst die Wissenschaft noch nicht restlos klären können. Theorien wie die von einer kleinen Eiszeit in Europa vor 350 Jahren, die für ein besonders solides Holz gesorgt haben soll, machen die Runde. Doch letztlich geben die Stradivaris, von denen es weltweit noch rund 650 gibt, ihr Geheimnis nicht preis. Eine von ihnen in die Hand zu nehmen, ist ein erhebendes Gefühl, selbst für einen Profi wie den Bratschisten Matthew Hunter. Sie zu spielen, noch viel mehr.

„Man muss sie sanft anspielen“, sagt er, „starken Strich vertragen sie nicht. Die Proportionen sind umgekehrt. Je mehr Energie man hineinlegt, desto weniger bekommt man heraus. Wenn ich mich nicht zurücknehme, zerstöre ich das, was mich so glücklich macht: Die raffinierten Klangfarben, die so selten zu hören sind.“ Es fühle sich an, sagt er, als fahre man normalerweise einen Ford Escort und dieses Mal einen Bugatti. Die Geige, die Rüdiger Liebermann spielen wird, heißt „King George III“. Sie erzählt, wie jede Stradivari, auch ein Stück Menschheitsgeschichte. Der britische König, dem sie einst gehörte, schenkte sie einem schottischen Offizier, der sie in der Satteltasche aufbewahrte, als er an der Seite Wellingtons in die Schlacht gegen Napoleon zog. Der Offizier überlebte nicht. „Diese Instrumente sind 350 Jahre alt“, sagt Matthew Hunter. „Sie haben lange vor dir existiert und werden dich überleben. Jeder Musiker weiß, dass er nur so etwas wie ein Lebensabschnittspartner für das Instrument ist. Dass es viel eher ihn besitzt als umgekehrt.“

Die zwölf Musiker nennen sich „Philharmonische Stradivari-Solisten Berlin“. Das Ensemble existiert seit acht Jahren, oft ist es nicht zu hören. Der letzte Auftritt in Berlin liegt zwei Jahre zurück. Das liegt daran, dass die Stradivaris den Musikern natürlich nicht gehören. Sie sind Eigentum von Sammlern, Versicherungen, Banken oder Stiftungen, vor allem der Schweizer Habisreutinger Stiftung, von der sechs Instrumente kommen. Sie sind aber nicht in irgendeinem dunklen Tresor weggeschlossen. Die Eigentümer haben ein Interesse daran, dass sie gespielt werden und verleihen sie regelmäßig.

Zwei Konzerte geben die Stradivari-Solisten in Berlin: Am Sonntag eine Matinee in der Philharmonie, unter anderem mit dem Concerto Grosso G-Dur von Händel und der Serenade für Streicher E-Dur von Dvorák. Bereits heute Abend treten sie in einer Art Generalprobe in der Zehlendorfer Pauluskirche auf. Das wird zugleich ein Benefizkonzert sein für die zwei neuen Orgeln, die hier gebaut werden sollen. Laut Kantor Cornelius Häußermann ist von der dafür erforderlichen eine Million Euro seit 2006 ein Drittel gesammelt worden. Es wird also noch eine Weile dauern, bis hier die neuen Orgeln erklingen. Doch wer eine Stradivari spielt, lernt sowieso in anderen Zeiträumen zu denken. Udo Badelt

Konzert heute, 20 Uhr, Pauluskirche Zehlendorf, und am Sonntag, 17. Mai, 11 Uhr in der Philharmonie

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