Stadtleben : Straßenpräger

Eine Ausstellung über den Mythos Kastanienallee

Sebastian Leber

Wer sich den Begriff „Castingallee“ ausgedacht hat, lässt sich heute nicht mehr ermitteln. Klar ist aber, dass das Wort keine Liebeserklärung ist: Es will sagen, dass die Menschen in der Kastanienallee in Prenzlauer Berg schon früh morgens rausgeputzt im Café sitzen – als warteten sie darauf, als Schauspieler oder Sänger oder Model entdeckt zu werden.

Ob das Klischee wirklich stimmt und „ob es sich in der Kastanienallee grundlegend anders lebt als in Marzahn“, wollte Eberhard Koll von der Werbeagentur Kollundkollegen herausfinden. Deshalb hat der 42-Jährige, der seit acht Jahren dort lebt, zusammen mit der Evangelischen Kulturwerkstatt Berlin die Ausstellung „Castingallee“ organisiert. 70 Café- und Kneipenbesucher wurden jeweils fünf Fragen über sich und die Straße gestellt. Die Antworten hängen jetzt mit Porträtfotos in der Zionskirche am nahe gelegenen Zionskirchplatz.

Da sind die 40-jährige Dolmetscherin, der gleichaltrige Schauspieler, die 22-jährige Tänzerin, die MTV-Moderatorin. Wen man eben so trifft in der Castingallee. Unter anderem wurden sie gefragt, was ihrer Meinung nach das Unverwechselbare an der Straße ist: Es sei ein „liberaler Ort“, hat einer geantwortet. Oder: „Die Leute hier haben einfach Style.“ Oder: „Hier will jeder etwas Besonderes sein.“ Einige fanden auch bloß die Kastanienbäume schön. Und mancher hat die Fragen „richtig euphorisch“ beantwortet, sagt Koll. Als handele es sich um ein echtes Casting.

Zur Ausstellung gehören auch einige Schwarz-Weiß-Porträts des Fotografen Jo Jankowski. Der hat seine Bilderserie unaufgeregt „Another Street in Berlin“ genannt – und keine Cafébesucher abgelichtet, sondern Menschen in Hinterhöfen, Büros und im Bordell. Jankowskis Modelle sind nicht geschminkt und auf die große Karriere warten sie auch nicht.

Eberhard Koll will noch lange in der Gegend wohnen bleiben. Schade findet er nur, dass „die Normalis-Geschäfte verschwinden, je mehr hippe Leute in den Kiez drängen“. Zum Beispiel die Zoohandlung an der Ecke. Da sei jetzt ein SzeneInder eingezogen. Sebastian Leber

Die Ausstellung geht bis zum 31. Oktober. Geöffnet ist Di., Mi., Fr. 11-17 Uhr, Do. 11-19 Uhr, Sa. 14-18 Uhr und So. 12-16 Uhr.

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