Streetart-Festival : Papergirl: Fang die Kunst!

Paperboy? Das ist ein amerikanischer Zeitungsjunge. Papergirl? Das ist Streetart, bei der Passanten Kunst zugeworfen wird – demnächst wieder. Zu sehen sind die Arbeiten schon jetzt.

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Windschnittig. Aisha Ronniger und ein Bild, dass Papergirl Berlin erst ausstellt und dann per Fahrradkunstkurier verteilt. Foto: Thilo Rückeis
Windschnittig. Aisha Ronniger und ein Bild, dass Papergirl Berlin erst ausstellt und dann per Fahrradkunstkurier verteilt. Foto:...

Die Speichen schwirren, lautes Klingeln und Rufen ertönen, ein Lächeln scheint auf, ein Arm reckt sich und zack – wechselt eine Papierrolle von Hand zu Hand. Eine Radlerin saust vorbei, zurück bleibt ein verdutzter, mit Kunst beschenkter Passant, der ihr nachstarrt, dann neugierig und mehr oder weniger beglückt die vom Himmel gefallene Papierwurst auseinanderwickelt. Kunst umsonst, einfach so und an irgendwen – das ist die Kunstaktion Papergirl Berlin.

In ungefähr zwei Wochen wird das geschehen, irgendwo in Mitte, vielleicht auch in Wedding. Nichts Genaues weiß man nicht. Soll ja eine Überraschung sein. Aber was die Papierrollen enthalten, kann man sich jetzt schon mal ansehen. In der Galerie Neurotitan im Haus Schwarzenberg, wo die Zeichnungen, Gemälde, Siebdrucke, Kopien, Fotos, Collagen und Sticker zu sehen sind, die später aufgerollt als Streetart verteilt werden. Neben Aktion und Ausstellung gehören auch ein Workshop, eine Diskussionsrunde und eine fette Party zum Papergirl-Festival.

Die letzte Einsendung kam aus Australien, sagt Aisha Ronniger, und kramt im abgeschabten Büro hinten im Haus Schwarzenberg in einem mächtigen Karton. „Beim Zoll wollen sie immer wissen, was diese komischen Sendungen wert sind.“ Schwer zu sagen, ist ja geschenkte, zum Verschenken bestimmte Kunst, die seit Wochen bei Papergirl Berlin eintrifft. 240 Leute aus 18 Ländern machen bei der inzwischen fünften Streetartaktion mit. Diplomierte Künstlerin oder Grafikerin wie die 28-jährige Aisha Ronniger, die gerade Diplom an der Kunsthochschule Weißensee macht, muss man dafür nicht mal sein. Bei Papergirl kann jeder am Tag X die Kunst mitverteilen, und vorher konnte jeder Arbeiten einreichen. Nur rollbar müssen sie sein. Von briefmarken- bis plakatgroß ist alles dabei. Und Qualitätskriterien? Konventionelle gelten nicht, sagt Aisha Ronniger. Nur die eine: Wir verschenken nur, was wir selbst gern empfangen möchten. Aber bekannte Streetartkünstler wie Boxi, Danny Gretscher, Tika oder Swoon seien dabei.

Die Idee von Papergirl? Menschen überraschen, Menschen beschenken, Kunst in die Öffentlichkeit bringen. „Gib allen, was du hast“, sagt Aisha Ronniger, die samt ihrem Team ganz offensichtlich ein eher demokratisches als elitäres Kunstverständnis hat. Deswegen ist die Schenk-Flotte auch mit dem Fahrrad unterwegs. „Ein paar Sekunden Augenkontakt, Rollenübergabe und das war’s - extra Kunstfreunde raussuchen geht nicht", sagt sie. Will sie auch nicht. Schließlich hat Streetart das Ideal, frei zu sein, allen zu gehören, unkuratiert zu sein, umsonst und draußen.

Auf die Idee, Glücksbotin und Kunstpostillion im Stadtraum zu werden, kam Ronniger 2006, als debattiert wurde, wildes Plakatieren genauso wie das Graffiti-Sprühen zu bestrafen. „Man müsste den Leuten die Kunst einfach hinschmeißen“, stellte sie daraufhin mit einer amerikanischen Freundin fest. So wie die Paperboys genannten Zeitungsjungen, die die Gazetten vom Fahrrad aus mit Schwung vor die Haustüren pfeffern. Zack! Genau wie bei Papergirl, nur dass man die Kunst geschenkt bekommt und nicht abonnieren kann.

Nur 30 Leute waren 2006 beim ersten Papergirl mit ihren Arbeiten dabei. Inzwischen gibt es die Kunstaktion auch in England, Rumänien, USA, Südafrika und Israel, Anfragen aus Australien, Kanada, Portugal und China laufen.

450 Rollen bringen Aisha Ronniger und ihre freiwilligen Verteiler demnächst unters Volk. Fünf bis zehn Arbeiten stecken in jeder, nach einem knappen Jahr Vorbereitung und einer spaßigen Verteilstunde ist alles vorbei. Und was sagen die Leute? Die Reaktionen seien so verschieden wie die Passanten, sagt Aisha Ronniger: Viele freuen sich, riefen und winkten oder meldeten sich sogar hinterher bei Papergirl. „Aber es gibt auch Leute, die sich erschrecken und überfallen fühlen und die Rolle schimpfend zurückwerfen.“ Einfach so was geschenkt bekommen, ist eben nicht jedermanns Sache.

Papergirl-Ausstellung: Galerie Neurotitan, Haus Schwarzenberg, Rosenthaler Straße 39 in Mitte, bis 23. Juli, Papergirl-Party: Brunnenstr. 70, Sa 17. Juli,

23 Uhr, www.papergirl-berlin.de

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