Stadtleben : Stricken am Strand

Ausstellung feiert das Wannseebad-Jubiläum

Matthias Oloew

1946 musste es der Selbstgestrickte sein. Aus grüner Wolle mit gelben Sternen fertigte sich eine Berlinerin kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Badekostüm, schließlich wollte sie am Wannsee gut aussehen. Das tat sie tatsächlich: Lange bevor der Bikini erfunden wurde, hatte sie sich einen ebenso feschen wie figurbetonten Anzug gestrickt, rückenfrei mit schmalem Steg am Bauch. Allerdings: Er sieht aus, als würde ein bisschen kratzen.

Zu sehen ist dieser Einteiler in der neuen Ausstellung „Berlin geht Baden . . .von Strandträumen und Traumstränden“, die nun im Ephraimpalais gezeigt wird. Das Ganze ist eine kleine Zeitreise in die Kulturgeschichte des Badens in Berlin. Dass sie jetzt eröffnet wurde, ist kein Zufall. Denn das 100-jährige Jubiläum des Strandbads Wannsee lieferte der Stiftung Stadtmuseum, zu der das Ephraimpalais gehört, den willkommenen Anlass.

Mit der Freigabe des Badens am Wannsee hatte die so genannte Lebensreform um die Jahrhundertwende, einen für alle Zeitgenossen sichtbaren Effekt. Hunderttausende Berliner stürmten den See – nicht nur, um zu baden, sondern vor allem auch, um den Badenden zuzusehen. Doch nicht nur dem Strandbad Wannsee widmen sich die Ausstellungsmacher. Zu sehen ist auch eine Karte der Spree, die den genauen Standort der damaligen Flussbäder zeigt, die 1925 größtenteils aus hygienischen Gründen geschlossen werden mussten.

Die erste Bademöglichkeit war übrigens das Welpersche Badeschiff. Es ankerte ungefähr dort, wo heute die Alte Nationalgalerie steht. Jenes Badeschiff war das Vorbild für das heute wieder schwer angesagte Badeschiff an der Arena in Treptow – mit einem Unterschied: Früher badete man tatsächlich im Flusswasser statt in gechlortem und vorgewärmtem Nass, und einsehen konnte man das Bad selbstredend auch nicht. Es galt als unschicklich und wurde bestraft, sich leicht oder gar nicht bekleidet in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Beispiele dafür sind die Badeordnung für den Wannsee, die in der Ausstellung genauso nachzulesen ist wie der so genannte „Zwickelerlass“, der noch 1932 vorschrieb, wie die Badekleidung auszusehen hatte. Matthias Oloew

Ephraimpalais im Nikolaiviertel bis 14. Oktober; Di, Do bis So von 10-18, Mi von 12 bis 20 Uhr. Eintritt: 5 Euro, erm. 3 Euro.

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