Stadtleben : Studienziel: Kunst und junge Männer

Wie eine West-Berlinerin in den Achtzigern das Liebesleben erforscht

Werner van Bebber

Die Zeit verging langsam in West-Berlin in den achtziger Jahren. West-Berlin war sogar ein wenig aus der Zeit gefallen. Wer damals hier lebte, um zu studieren, der lebte meist ein wenig bohememäßig und zeitvergessen. Tanja Langer hat diesen Jahren in der geteilten Stadt ein Denkmal in Gestalt einer Liebesgeschichte gesetzt.

Wenn die Verhältnisse überschaubar und klar sind – und das waren sie im ollen West-Berlin – dann dürfen die Liebesgeschichten ruhig etwas kompliziert sein. Die Frau, um die sich Tanja Langers Geschichte dreht, heißt Eva. Sie studiert Kunst und junge Männer. Eva ist eigensinnig – sie verlässt sich ganz auf ihre Gedanken und Gefühle, doch sie bezieht sich auch immer auf Männer.

Vielleicht ist das in der langen Geschichte der Paarbeziehungen bezeichnend für die Achtziger: Die jungen Frauen Anfang 20 testeten die Liebe und die Männer mit dem gleichen Verständnis von Freiheit und Verbindlichkeit, wie es die Männer taten. Der Test aber verlief in romantischem Rahmen. Die große Liebe schien möglich. Heute ist es eher so, dass Liebesgeschichten zu etwas Seriellem geworden sind.

Eva jedenfalls nimmt sich die West-Berliner jungen Männer mit großem Ernst vor. Drei sind es, auf die sie sich nacheinander einlässt. Alle drei passen, um es vorsichtig zu sagen, gut in die Zeit: Konrad, ein nachdenklicher, sanfter Typ, der sich verliebt und gleich bereit ist, sein Leben an Evas anzupassen. Jackson, ein Maler und Macho, bei dem Eva sofort schwach wird. Und Robert, der Rollen spielt, weil er nicht weiß, wer er ist und was er will, und immer dann unverbindlich wird, wenn Eva Nähe will.

Tanja Langer inszeniert die Liebesgeschichten in einer Stadt, die so nicht mehr ist. Ihre Geschichten werden viele erlebt haben, in Altbauwohnungen und Ateliers, auf den Straßen von Charlottenburg und Wedding, in Sommernächten und im Wintersmog. Langer hat sich das Gefühl für den Ernst dieser Erziehungsprozesse der Herzen bewahrt – so pathetisch-ernst gehen nur Leute mit ihrer Liebe um, die sich allein um sich zu kümmern haben. Und sie kennt selbst alle Grade der Intensität von Liebeskummer. Die Stadt, die Kulisse, West-Berlin, hat sie als etwas Besonderes in Erinnerung. Vielleicht hat diese Insel in der Zeit ihren Bewohnern besondere Möglichkeiten als Liebesforscher geboten.











— Tanja Langer:
Nächte am Rande der inneren Stadt. Dtv Premium, München. 313 Seiten, 14,90 Euro.

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