Stummfilm-Kneipe : Keine Stimme zählt

Eine Neuköllner Kneipe zeigt mittwochs Stummfilme mit Klavierbegleitung Der Betreiber träumt schon von einem Festival und einem eigenen Kino

Thomas Krause
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Ohne Worte. Diese Woche läuft die Westernparodie „Wild and Woolly“ von 1917 mit Douglas Fairbanks. Foto: David HeerdeDavid Heerde

Die Zeitreise beginnt mittwochabends in Neukölln. Nur ein fahler Lichtschein erhellt Christian Glinz’ bärtiges Gesicht. Der 43-jährige Pianist schaut immer wieder auf die Leinwand rechts vor ihm, während er auf einem braunen Flügel spielt. In der Kneipe „Froschkönig“ läuft wie jeden Mittwoch ein Stummfilm, Glinz improvisiert dazu die Klavierbegleitung. Klamauk, Melancholie oder Ärger: Zu jeder Stimmung im Film sucht Glinz den richtigen Ton. Und das Zusammenspiel zwischen Stummfilm und Klaviermusik funktioniert über 100 Jahre nach dessen Erfindung noch: Über die Komödie aus dem Jahr 1928 lachen auch die Zuschauer im Jahr 2009.

Dem lauen Spätsommerabend zum Trotz haben sich 35 Gäste vor der Leinwand im Froschkönig versammelt. „Normalerweise kommen etwa 60 Gäste“, sagt derjenige, der die Zeitreise Woche für Woche veranstaltet: Patrick Giersch. Der blonde 45-Jährige betreibt die Kneipe im Schillerkiez seit März 2008, seit über einem Jahr zeigt er dort regelmäßig Stummfilme. „Buster-Keaton- oder Charlie-Chaplin-Filme kennen ja doch noch viele. Es gibt aber auch eine Menge Filme von damals, die nicht dem Zeitgeist entsprachen und schnell in den Archiven verschwanden“, sagt Giersch, dem man noch ganz leicht seine Münchner Herkunft anhört. Einige dieser Werke erweckt er nun zu neuem Leben. Damit die Zuschauer auch wissen, wieso der gezeigte Stummfilm sehenswert ist und welcher damals große Star die Hauptrolle spielt, erklären vor Filmbeginn Literat und Filmliebhaber Michael Schulte oder die Filmwissenschaftlerin Ann Dettmar. Das Publikum, das sich vor der Leinwand des „Froschkönigs“ versammelt, ist bunt gemischt. An einem Tisch sitzt ein Mann mit dunkelblondem Seitenscheitel, neben ihm eine blonde Frau. Beide sind Anfang 20. Der Tisch vor ihnen ist voll besetzt, allerdings liegt der Altersschnitt hier wohl eher 40 Jahre höher. „Stummfilm“, sagt Giersch, „funktioniert generationenübergreifend.“

Der Saal ist klein, die Luft im „Froschkönig“ wird immer wärmer und stickiger. Kein Vergleich mit voll klimatisierten Multiplex-Kinos. Nur das sonore Rattern eines Filmprojektors, das sich als Klangteppich unter die Klavierklänge legt, fehlt: Der Film kommt von einer DVD. Vor der Leinwand ziehen dünne Schlieren Zigarettenrauch durch den Lichtkegel des Beamers.

Inzwischen finden die Filme nicht nur ihr Stammpublikum, sondern haben Giersch mit einigen Mitstreitern zu einem neuen Projekt motiviert: dem Verein „Laufende Bilder e. V.“. Mit dessen Hilfe wollen sie dem Stummfilm mehr als 80 Jahre nach seiner Hochphase zu einer neuen Blüte verhelfen. „Allein in Berlin wurden in den 1920er Jahren etwa 600 Filme pro Jahr produziert“, sagt Giersch. Noch steckt der Verein in der Gründungsphase, aber an Ideen mangelt es den Filmliebhabern nicht. Sie träumen von einem Kino, das nur Stummfilme zeigt. „Das müsste dann aber auch im Stil der damaligen Zeit gehalten sein – mit Plüsch und Absinth-Ausschank. Und rauchen dürfte man im Kino auch“, sagt Giersch. Und auch ein Stummfilm-Festival ist schon angedacht: „Wir würden jedes Jahr Stummfilme von vor 100 Jahren zeigen und dann den besten vom Publikum wählen lassen“, sagt Giersch.

Noch ist das Zukunftsmusik. Bis auf Weiteres bleibt der „Froschkönig“ die Berliner Heimat des Stummfilms. Als der Abspann läuft, brandet Applaus auf. Glinz steht von seinem Klavierhocker auf und knipst eine kleine Stehlampe links vom Flügel an. Immer wieder verbeugt er sich. Ein Sektkühler kreist durch den Raum, das Publikum spendet für den Pianisten. Dann ist die Zeitreise zu Ende. Bis nächsten Mittwoch. Thomas Krause

Die Stummfilme im Froschkönig, Weisestraße 17 in Neukölln, beginnen jeden Mittwoch um 21 Uhr. Mehr Informationen gibt es unter www.froschkoenig-berlin.de.

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