Szene : Diese Party haben alle auf dem Schirm

Die Clubcommission feiert ihr Zehnjähriges mit 800 Gästen, darunter viele Protagonisten aus dem Berliner Nachtleben. Doch in der Szene rumort es: Veranstalter sind in Sorge um die Entwicklung der Stadt.

Haiko Prengel
Programmgestalter. Sascha Disselkamp organisiert nicht nur Partys im „Sage“-Club, er hat auch ein Restaurant in der Köpenicker Straße. Darüber befindet sich das Atelier „White Sage“, wo zuletzt diese Kunstinstallation aufgebaut war. Foto: David von Becker
Programmgestalter. Sascha Disselkamp organisiert nicht nur Partys im „Sage“-Club, er hat auch ein Restaurant in der Köpenicker...

Es war Ende der 90er Jahre, das illustre Treffen fand im Sage Club am U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße statt. Da saß der damalige Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner im feinen Zwirn auf einer wuchtigen Bassbox und diskutierte mit Berlins Clubbetreibern über das schillernde Nachtleben. „Ausgerechnet ein Politiker der CDU redete mit uns“, erinnert sich Sascha Disselkamp, der 46 Jahre alt ist und auch heute noch den Sage Club betreibt. „Dabei befanden wir Clubbetreiber uns damals in einer Schublade mit Drogendealern und Leuten aus dem Rotlichtmilieu. Wir wurden beäugt wie Exoten.“ Nun, Branoner – der 2001 als Senator ausschied und heute als Berater in Charlottenburg arbeitet – ließ sich dennoch auf das Gespräch in den alten Bahnhofsgemäuern ein, an seiner Seite ein Leibwächter. Auf der Seite der Clubbetreiber waren neben Disselkamp unter anderem die Macher von Delicious Doughnuts, Oxymoron und Casino dabei.

Das Treffen kam zu einem Zeitpunkt, als politischen Entscheidungsträgern langsam klar wurde, welch große Bedeutung das Berliner Nachtleben für die Wirtschaft und das Image der Stadt schon damals hatte. Beide Seiten beschlossen dann, künftig miteinander zu reden. Was den Clubs fehlte, war ein gemeinsames Sprachrohr, eine Adresse, an die sich Senat und Bezirke wenden konnten. „So entstand die Idee der Clubcommission“, erzählt Disselkamp. Die Partyveranstalter gründeten nach dem Treffen mit Branoner einen Verein, der gegenüber Dritten ihre Interessen vertreten sollte. Die Idee fruchtete: Mittlerweile ist die Clubcommission Berlin zehn Jahre alt, am Mittwoch wird das Jubiläum mit einem „Bar Bitches Ball“ im Magnet-Club in Kreuzberg gefeiert. Zur Party werden knapp 800 geladene Gäste erwartet, darunter zig Protagonisten und Statisten aus dem Berliner Nachtleben: DJs, Techniker, Barkeeper und Türsteher. Für die Musik sorgen DJs wie Dr. Motte und Divinity, aber auch Tresor-Chef Dimitri Hegemann und Ricardo Rodriguez.

Büros, Hotels, neue Häuser. Die Clubs werden zunehmend verdrängt.

Heute bezweifelt keiner mehr, welchen Stellenwert das vielfältige Nachtleben für Berlin hat. In der Technoszene gilt die Stadt als weltweit führend. Junge Leute kommen aus Spanien oder Schweden für ein Wochenende per Flugzeug in die Stadt, um einmal im Berghain oder Watergate feiern zu können. Im vorigen Jahr wurden in Berlin erstmals 20 Millionen Übernachtungen gezählt. Tourismusexperten gehen davon aus, dass jeder Gast pro Übernachtung etwa 200 Euro in der Stadt lässt. „Wenn nur die Hälfte der Leute nicht wegen der Hochkultur, sondern wegen der Clubs kommt, ist das ein massiver Boost für die Stadt“, sagt Lutz Leichsenring, Vorstand der Clubcommission. Und Berlins Clubs seien nicht nur Anziehungspunkt für Partygänger. Sondern auch Hort der Kreativszene, Ausbildungsorte für Eventleute und Techniker sowie Absatzmarkt für die Industrie.

Allein die Frage ist, wie lange das noch so bleiben wird. Glaubt man Leichsenring, kommen düstere Zeiten auf Berlins Clublandschaft zu. Immer mehr teils legendäre Adressen müssen schließen, auf dem Gelände des Casinos am Ostbahnhof etwa steht heute ein Baumarkt. Im Herbst machte die Bar 25 am Spreeufer in Kreuzberg zu, und auch der Knaack-Club in Prenzlauer Berg schloss, er war einer der ältesten Clubs der Stadt. Nachbarn fühlten sich vom Lärm der Livekonzerte belästigt. Um solchem Ärger vorzubeugen, war zuvor bereits der benachbarte Magnet-Club nach Kreuzberg gezogen.

Eine „AG Lärm“ kümmert sich um geräuschempfindliche Nachbarn

„Wir sehen diese Entwicklung als eine große Gefahr für die Kreativszene und das Renommee der Stadt. Da droht sich in den nächsten drei bis fünf Jahren etwas massiv zu ändern“, sagt Lutz Leichsenring. Allerlei Privatleute und Investoren kämen ins angesagte Berlin. Ihr Wirken sei für die Clubkultur aber zerstörerisch: Neue Bürogebäude entstehen an vielen Ecken, auch Hotels und Wohngebiete. In Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain sei ihre Spur zu besichtigen. „Jetzt werden schon die Entwicklungspläne für Neukölln und Wedding diskutiert“, sagt Leichsenring.

Die Clubcommission hat also weiter gut zu tun. Wie sich geräuschempfindliche Nachbarn besänftigen lassen, erörtert beispielsweise eine „AG Lärm“. Der Club Icon in Prenzlauer Berg und das SO 36 in Kreuzberg konnten trotz Anwohnerbeschwerden ja gerettet werden. Und die neue Abteilung „Club Consult“ berät Partyveranstalter beim Einsatz von modernen und umweltverträglichen Technologien, in der Szene spricht man schon vom „Green Clubbing“. Regelmäßig trifft sich die Commission überdies mit Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Medien. „Es gibt noch viel Vermittlungsbedarf“, bilanziert Vorstand Leichsenring. Er teilt damit Erfahrungen, die auch Nachtleben-Urgestein Sascha Disselkamp gemacht hat. Gleich wer im Senat oder in den Bezirken das Sagen habe – „als Clubbetreiber muss man denen immer wieder alles neu erklären“, sagt Disselkamp.

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