Tägliche Serie, Folge 11 : Kulturcheck - ein Londoner testet Berlin, heute: Fünf Punkte gegen London

Das Berlin-Experiment: Der Londoner Journalist Mark Espiner ist zwei Wochen beim Tagesspiegel zu Gast und bespricht online jeden Tag Berliner Kulturereignisse. Diesmal bekämpft er sein Heimweh.

Mark Espiner
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Mark Espiner testet Berlin. Der Londoner Journalist schreibt unter anderem für den Guardian.Foto: Thilo Rückeis

Nun mal fünf weniger gute Dinge über London. Nachdem ich die Berliner und ihre Stadt vor zwei Tagen etwas härter angefasst habe und selbst ein bisschen Heimweh nach London bekam, habe ich mich rasch an die Dinge erinnert, die ich an London überhaupt nicht mag:

1. Gangs von Jugendlichen mit Kapuzen, denen an "Respekt" so viel liegt, dass sie sich gegenseitig und auch einige von uns töten, um ihn zu bekommen.

2. Die Preise, aber vor allem die hohen Mieten - schon eine kleine Wohnung kostet 200 Pfund in der Woche.

3. Müll. Der liegt fast überall herum. Es scheint einigen Leuten zu viel Mühe zu machen, ein bisschen auf ihre Umwelt zu achten und ihren Dreck in Mülleimer zu werfen. Zum Teil liegt das allerdings daran, dass es lange nur wenige Papierkörbe gab (und immer noch keine in U-Bahnhöfen). Sie sind gut geeignet, um dort Bomben zu legen. Menschen tun so was. Aber das ist ein anderes Thema...

4. Fried-Chicken-Imbisse. Da gehen die Kapuzenjungs hin und da kommt sehr viel Müll her.

5. Ein Bürgermeister, der es wichtiger findet, lustig zu sein, statt zum Beispiel an den Klimawandel zu denken. Und die Londoner, die ihn gewählt haben.

6. Dass die schönen Pubs sterben, weil sie gekauft und in Wohnungen umgewandelt werden (mit hohen Mieten natürlich)

Oops, das waren jetzt schon sechs Punkte. Und ich könnte noch mehr nennen. Ich fahre ja nun bald zurück nach London und werde Berlin vermissen. Because you Berliners really know how to party.

Shantel schenkt ein

Shantel und das Bucovina Club Orkestar riefen von der Bühne des Admiralspalasts, dass es keine Pässe für Musik und keine Visa für Musik gebe. Und sie bewiesen es mit einem grenzüberschreitenden Mix von Gypsy brass band rebel-rousing rocking tunes.

Dank an alle, die mir nahegelegt haben, dort hinzugehen. Das Publikum wurde verrückt, es enterte die Bühne, trank und sang mit. Natürlich findet man denselben Enthusiasmus in London, aber auch einige interessante Unterschiede. Auf keinen Fall würde Shantel von der Bühne springen und übers Publikum surfen - Sicherheitsleute würden ihn daran hindern. Auf keinen Fall würden die Fans die Bühne in solchen Massen entern wie bei diesem Konzert  - Sicherheitsleute würden sie daran hindern.

Ich beeilte mich, zu rechtzeitig bei Shantel anzukommen, nachdem ich ein großartiges Tanzstück im Rahmen des Tanz-Nacht-Festivals im alten BVG-Komplex gesehen hatte. Wilhelm Groeners "Hotel Hassler" war umwerfend. Eine Sache fiel mir auf, die anders war als in London: Die Zuschauer scheinen das Stück auf der Bühne aufmerksamer zu verfolgen. Sie vertiefen sich dort hinein. Die Aufführung war brechend voll und hätte nicht unterschiedlicher sein können im Vergleich zu Shantels Auftritt. Diese beiden Shows nacheinander haben mir die vielen kulturellen Seiten Berlins noch einmal verdeutlicht.

Alles hat ein Ende, auch die Wurst

Mein Berliner Kulturmarathon hinterlässt bei mir Spuren, aber ich habe immer noch genügend Stehvermögen für ein bisschen mehr Kultur. Bei der Wurst allerdings komme ich langsam ans Limit. Ich komme mir gut gefüllt vor. Ich habe die Krakauer mit dem subtilen Anflug von Kreuzkümmel sehr genossen. Doch zu meiner Schande habe ich noch keine Currywurst gegessen. Ich bin nervös, weil ich Euch Berliner mit meiner Wahl verärgern könnte. Welche auch immer ich mir aussuche, es wird die falsche sein. Soll ich sie von Witty's, vom KaDeWe, von Curry36, vom Kudamm 195, von Konnopke oder die aus Alt-Buckow probieren? Mit Darm oder ohne Darm?

Aus dem Englischen von Markus Hesselmann. Zum Vergleich mit Mark Espiner: Unser London-Korrespondent Markus Hesselmann hat in seinem Blog vor einem Jahr zehn Punkte für London und zehn Punkte für Berlin aufgelistet. Um sie nachzulesen klicken Sie bitte hier und hier.


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