Tägliche Serie, Folge 8 : Kulturcheck - ein Londoner testet Berlin, heute: Klassisch clubben

Das Berlin-Experiment: Der Londoner Journalist Mark Espiner ist zwei Wochen beim Tagesspiegel zu Gast und bespricht online jeden Tag Berliner Kulturereignisse. Diesmal fährt er Rad und clubbt klassisch.

Mark Espiner
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Mark Espiner testet Berlin. Der Londoner Journalist arbeitet unter anderem für den Guardian.Foto: Thilo Rückeis

Heute hab ich ein Fahrrad gesehen. Also, eigentlich waren es hunderte, denn ihr Berliner benutzt ja jede Menge davon. Ich habe auch schon fast gelernt, nicht über den Haufen gefahren zu werden, weil ich - in dem Irrglauben, es handele sich um den Bürgersteig - auf der Fahrradspur laufe. Das Rad, von dem ich rede, gehörte der DB und man musste zahlen, um damit zu fahren und kann es dann überall stehen lassen. Klasse Idee. 

Ich glaube, in London würde das mit dem DB-Rad aus drei Gründen nicht funktionieren: Erstens, die Straßen sind gefährlich und voll mit Verkehr, es gibt zwar ein paar Fahrradwege, aber nicht genug - und sie sind auf der Straße und nicht auf dem Bürgersteig. Zweitens, die meisten Londoner sind faul. Drittens, in London scheint es einen Zwang zu geben, Fahrräder zu klauen - und wenn sie nicht geklaut werden, werden sie kaputt gemacht.

Londoner kaufen neue Räder und dann versuchen sie, sie alt und vermüllt aussehen zu lassen, in dem sie mit Farbe ansprühen oder mit Klebeband einwickeln. Dann schließt man sein Rad mit drei Schlössern ab, nur um bei der Rückkehr festzustellen, dass der Sattel weg ist. Mal ehrlich, gibt es wirklich einen Schwarzmarkt für geklaute Sättel? Passiert das auch in Berlin? Ich habe hier noch keine sattellosen Räder gesehen …

Bilder und Bakterien

Gestern bin ich ins äußerste Neukölln gefahren um eine deutsche Künstlerin namens Sabine Kacunko zu treffen, die mich netterweise zum Tee eingeladen hatte. Sie macht große Naturaufnahmen, die sie dann mit Bakterien zerstört. Sie sind wunderschön. Sie kommt nicht aus Berlin, sondern ist erst kürzlich hierhergezogen, aber sie erinnerte mich daran, dass sich nicht nur Künstler aus dem Londoner East End hier versammeln, sondern Künstler allgemein. Sie sagte, sie höre mehr und mehr englische Stimmen in der Gegend. Melanie mailte mir und sagte dasselbe. Wenn Sie Londoner Künstler kennen, die hergezogen sind, lassen Sie es mich wissen (mark@espiner.com). Ich möchte mit ihnen reden.

Danke an Hermann, Martina and Susanne, die mir alle den Tipp mit der Yellow Lounge gegeben haben. Ich war verblüfft. Das ganze fand im Berghain statt, und es gab nur Klassik. Neben DJ Canisius, der Beethoven und Steve Reich auflegte, wovon ich Gänsehaut bekam, gab es auch noch einen Live-Performance der dramatischen Patricia Petibon (Sopran) und der temperamentvollen Susan Manoff (Piano), die die Clubber fesselte.

Und wieder: ein ungewöhnlich junges und abwechslungsreiches Publikum, das entspannt war - einige lagen mit Gläsern Rotwein vor den riesigen Lautsprechern. Das alles könnte, ohne Zweifel, auch so in London stattfinden, aber ich bin nicht sicher, ob es so gut besucht wäre. (Hier kommen manchmal bis zu 1000 Leuten zu so einer Veranstaltung.) Aber Klassik in einem brutalen Ex-DDR-Betonbau? Das fühlt sich schon sehr original Berlin an.

Weiße Wurst und weiße Schokolade

Weißwurst. Kennen Sie die? Ich glaube, sie passt nicht wirklich in die Stadt, noch kann sie mit der Yellow Lounge mithalten. Sie ist zu groß und mächtig. Und ganz sicher nicht subtil. Das macht sie aber nicht schlecht. Sie ist so etwas wie die weiße Schokolade der Wurstwelt. Voll mit Energie und einer gewissen Süße, nicht jedermanns Geschmack, aber man freundet sich damit an. Und anders als weiße Schokolade passt sie auch gut zu Senf. Danke an Sabine J aus Bayern für die Empfehlung.

Ach, heute Abend nicht vergessen, das Heute Journal im ZDF einzuschalten. Vor zwei Tagen begleitete mich ein Kamerateam bei meiner Stadttour. Der Film soll heute gezeigt werden…

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Honert.


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