Tag der offenen Tür : Sturm auf den Friedrichstadtpalast

6000 Menschen wollten unbedingt hinter die Kulissen des Revuetheaters an der Friedrichstraße schauen. An Anziehungskraft hat die "alte Kiste" scheinbar noch nicht verloren. -

Christian van Lessen
Friedrichstadtpalast
Etwa 1000 Neugierige konnten das Theater wegen Überfüllung nicht besichtigen.

Berlin„Die alte Kiste Friedrichstadtpalast zieht“, rief Intendant Berndt Schmidt begeistert von der Bühne aus ins volle Haus, zeigte auf einen Platz in der ersten Reihe, der von einem arglosen Gast besetzt war. „Hier saß Erich Honecker und daneben Miss-Bildung.“ Der Saal applaudierte, die meisten wussten, gemeint war DDR-Bildungsministerin Margot Honecker. Am Sonntag kamen bei den weit mehr als 6000 Besuchern viele Erinnerungen auf: beim Tag der offenen Tür im Friedrichstadtpalast. Das Haus wird im April 25 Jahre alt.

Um 10 Uhr war Einlass, eine Stunde später waren die Foyers verstopft, RBB-Moderator Raiko Thal, der hier vor 25 Jahren Beleuchter war, interviewte auf einer kleinen Bühne Künstler. Auf der Friedrichstraße reihten sich aus zwei Richtungen lange Warteschlangen. Mittags, als Radiosender ihren Hörern noch den Besuch der Palastes empfahlen, musste Hunderten Leuten vorm Haus gesagt werden, dass es mit „offener Tür“ nun leider nichts mehr sei, zumal schon um halb vier die reguläre „Qi“-Vorstellung anstand.

Etwas in die Jahre gekommen

Aber wer es in die „alte Kiste“ geschafft hatte, war meist selig – wegen des Blicks hinter die Kulissen, die Bühnentouren, den Workshop mit dem Kinderensemble, wegen des Verkleidens und Schminkens, wegen der Kostümierten und der Autogrammstunden mit Künstlern. 2000 Gäste nahmen an Führungen teil. Besonders gut kam die eigens inszenierte und außerplanmäßig wiederholte Technik-Show im Großen Saal an, moderiert vom Technischen Direktor Franz-Josef Münzebrock, der auf der Bühne dem Publikum die jeweiligen Fachmitarbeiter vorstellte. Es gab eine Licht-Pyro-Show mit Musik, dann öffnete sich der Boden der größten Bühne der Welt, um Europas größtes fahrbares Wasserbecken auszuspucken, aus dem wiederum Europas größter Kristallleuchter hervorgezogen wurde. An dem turnte akrobatisch eine junge Frau. Dann segelten Kinder des Ensembles mit der hydraulisch fernbedienten „Bounty“ bei Sturm und Gewitter, umgeben von rotierenden Haifischflossen, über das Meer der Bühne, dass selbst das Publikum fast seekrank wurde. Das Haus zog alle technischen Register, um zu zeigen, dass es renoviert auf dem neuestem Stand ist. Der neue Intendant versprach, dass es erfolgreich weitergeht – nach wirtschaftlich mageren Jahren. Er dankte dem Publikum für das „Zeichen der Solidarität“.

Die Gäste hörten es gern. Helga Stolpe aus Mariendorf etwa, die als kleines Kind noch den alten Friedrichstadtpalast kannte. Sie liebt Revuen. Claudia Heland war das erste Mal hier. Sie ist nach dem Besuch erst neugierig geworden. Diana Fellwock kam mit den kleinen Töchtern Lucie und Elena, um die Oma zu besuchen. Die arbeitet seit 40 Jahren in der Schneiderei, hat damit auch den später abgerissenen Friedrichstadtpalast erlebt.

Der Neue ist nun in die Jahre gekommen. An Anziehungskraft hat er ganz offensichtlich nicht verloren.

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