Tagesspiegel-Serie : Trockenübungen

In der Tagesspiegel-Serie Drehort Berlin geht es heute um den Badetag. Berlins ganz großer Schwimmbadfilm muss erst noch gedreht werden: Das Wannseebad, beliebte Kulisse, war für Filmteams irgendwann tabu. Und auch das Prinzenbad begnügte sich bisher mit einer Nebenrolle.

Matthias Oloew
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Im Dokumentarfilm "Prinzessinnenbad" treffen sich die drei Freundinnen im Prinzenbad. -Foto: ddp

Nun steht sie also im Strandbad Wannsee und schaut sich neugierig um. Ihr erster Drehtag bei Kurt Hoffmanns Verfilmung der Tucholsky-Novelle „Rheinsberg“, im Sommer 1967. Für Cornelia Froboess ist das ein Abschluss. Soeben hat sie ihre Sangeskarriere endgültig an den Nagel gehängt, die 16 Jahre zuvor mit dem Schlager „Pack die Badehose ein“ so fulminant begonnen hatte. Künftig will sie nur noch Schauspielerin sein.

Doch zugleich ist dieser Tag für sie eine Premiere. Die große Anlage beeindruckt sie, sie staunt über den weiten Blick auf den See. „Schön ist das hier“, schwärmt sie. Nicht nur Regisseur Hoffmann ist perplex, wie überrascht sein Star wirkt – bis Cornelia Froboess kurze Zeit später gesteht, es sei ihr erster Besuch im Strandbad Wannsee. Als sie ihren Kinderhit sang, war ihr das Bad völlig unbekannt. „Wir wohnten in Wedding“, erzählt sie, „da war der Tegeler See viel näher.“ Der Weg bis zum Strandbad Wannsee und wieder nach Hause wäre radelnderweise nie zu schaffen gewesen, schon gar nicht bis abends um acht, wie es in dem Lied heißt.

Die Dreharbeiten zu „Rheinsberg“, die in einer Umkleidekabine des Strandbades beginnen, sind nicht die ersten in Berlins beliebtester Familienfreizeitstätte. In den zwanziger und dreißiger Jahren entstanden dort vor allem Filme, die die Freiheit des freien Badens propagierten und vom Trubel im Wannseebad kündeten. So oft klopften Filmteams damals an, dass es der Badverwaltung schließlich zu viel wurde. Immer wieder lehnte sie Dreharbeiten mit dem Hinweis ab, der große Besucherandrang erlaube kein weiteres Aufsehen.

Gut möglich, dass auch einer Gruppe von vier jungen, völlig unbekannten, erst später zu Ruhm gelangten Filmemachern die Drehgenehmigung versagt wird: Billie (später: Billy) Wilder, Curt und Robert Siodmak sowie Fred Zinnemann, die 1929 in ihrem Film „Menschen am Sonntag“ die Geschichte eines Sonntagsausflugs an den Wannsee erzählen. Darin gibt es zwar einige Einstellungen aus dem Strandbad Wannsee. Da sie aber die alten Holzbauten zeigen, die damals gerade abgerissen wurden, ist eher fraglich, ob Siodmak & Co. tatsächlich im Strandbad gedreht oder sich in Zwischenschnitten nur eines der vielen sogenannten Propagandafilmchen bedient haben. Ohnehin spielt „Menschen am Sonntag“ vor allem außerhalb des Strandbadgeländes, und so zeigt der berühmteste Wannseefilm das Bad tatsächlich nur in ganz wenigen Szenen.

Trotzdem hat das Strandbad Wannsee seine Rolle in der Filmgeschichte nicht nur als Drehort gespielt. Mit einem Auftritt dort startete einmal sogar eine ganz große Karriere – auch wenn der Auftritt nichts mit Kino zu tun hatte und obendrein nicht besonders erfolgreich war: 1949 nimmt Ursula Müller an der ersten Wahl zur „Miss Wannsee“ teil, gewinnt den Wettbewerb nicht einmal – trotz Startnummer eins. Doch das hindert sie nicht, als Christiane Maybach eine Schauspielerkarriere zu beginnen, auf deren Höhepunkt sie mit Rainer Werner Fassbinder zusammenarbeitet.

Heute konzentrieren sich Filmemacher auf eine andere Berliner Badekulisse: das Prinzenbad in Kreuzberg. Angefangen hat es mit Szenen zu „Herr Lehmann“, die im Oktober 2002 am Originalschauplatz entstehen. Die Hauptdarsteller Christian Ulmen und Detlev Buck müssen dabei immer wieder in das nur mäßig warme Wasser springen – am Ende vollkommen umsonst. Denn Regisseur Leander Haußmann entscheidet, dass die meisten dieser Szenen rausgeschnitten werden.

Auch der gefeierte Dokumentarfilm „Prinzessinnenbad“, den die Filmemacherin Bettina Blümner 2004 und 2005 dreht, macht das Kreuzberger Schwimmbad zum Dreh- und Angelpunkt. Im Laufe der Dreharbeiten aber entscheiden die drei jungen Frauen, die im Mittelpunkt stehen, nicht mehr ins Prinzenbad zu gehen, weil sie dort zu oft angemacht werden. So entstehen die meisten und intensivsten Szenen dieses Porträts der drei Kreuzberger Freundinnen anderswo – am Heinrichplatz, im Görlitzer Park oder auf der Oranienstraße. Fazit: Der ganz große Berliner Schwimmbadfilm muss erst noch gedreht werden.

Die nächsten Folgen:

Wendezeit: Di., 14. August

Kulisse Berlin: Fr., 17. August

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