Tagestipp : Vor den Frauenfußballverstehern fliehen

Frauenfußball ist ein Problem. Plötzlich muss man sich dazu irgendwie verhalten, jetzt wo diese Weltmeisterschaft läuft. Till Hein hat sich in seinem Tagestipp entschieden.

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"Man sagt Damentennis, aber Frauenfußball", dozierte Sportsfreund M. neulich in der Umkleidekabine mit ernster Miene. "Ist Euch das eigentlich schon mal aufgefallen?" Frauenfußball ist ein Problem. Plötzlich muss man sich dazu irgendwie verhalten, jetzt wo diese Weltmeisterschaft läuft. Y. sagt zum Beispiel, es sei "unter aller Sau", sich über Damenfußball lustig zu machen. Schon aus politischen Gründen. Sie selbst hat sich bisher kein einziges WM-Spiel angesehen. Ich hingegen hielt bei Deutschland gegen Nigeria tapfer bis zum Ende durch. Vom Niveau her war es ein bisschen wie bei Eisern Union. Nur ohne Stimmung.

Daher habe ich mich entschieden, beim Hype um diese WM nicht mehr mitzumachen. Wieso statt Public Viewing nicht mal wieder einen Ausflug unternehmen? Einfach mal raus fahren aus Kreuzberg, dieser Hochburg der Frauenfußballversteher?

Denn es gibt ja auch andere tolle Stadtteile in Berlin, zum Beispiel südöstlich vom Ostkreuz. Kenner nennen dieses Fleckchen Erde liebevoll "Schweineöde", die offizielle Bezeichnung lautet Schöneweide. Ein hübscher Name. Und ich verbinde wunderbare Erinnerungen mit Schöneweide, insbesondere mit Niederschöneweide. Dort war ich mal auf der Geburtstagsparty eines Nachwuchshistorikers eingeladen. Er und seine Familie waren mit einem Stipendium aus Warschau nach Berlin gekommen. Sie hatten kaum Geld, waren aber total gut drauf. "Den Teppich haben wir bei Ebay ersteigert", erzählte N. begeistert. "Für 1 Euro 50." Auch die Einbauküche war von Ebay, die Schränke und die Kommoden. Eigentlich alles. Das gesamte Mobiliar hat weniger gekostet, als unsere Kreuzberger Blumenvase. Seit jenem Abend verbinde ich mit Schöneweide die Vorstellung von einem einfachen aber glücklichen Leben.
Aus ähnlichen Motiven ist ein Freund von mir nun aus dem Zentrum nach Oberschöneweide ausgewandert. Eine Straßenbahn brachte mich quasi vor seine Haustüre. Diese Ruhe, dachte ich, fast wie früher in Basel. Vor dem Nachbarhaus von I.s neuer Bleibe saßen zwei Grundschülerinnen mit Zöpfen, und unterhielten sich angeregt. "Und dann hat der Typ meinem Vater das Nasenbein gebrochen", sagte die eine. Tja, dachte ich, immer noch besser als Frauenfußball.

Public Viewing: Übermorgen Samstag, 9. 7. um 20.45 Frauenfußball-WM-Viertelfinale Deutschland : Japan, live im 11 Freundinnen WM-Quartier im Lido, Cuvrystraße 7, Berlin-Kreuzberg

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