Tattoo-Convention : Sticheleien, die unter die Haut gehen

Tätowierungen liegen nicht mehr im Trend? Eine Messe für Fans des Körperschmucks zeichnete ein anderes Bild: Es gab mehr zu sehen als schnöde Arschgeweihe - alles von düsterer Mystik bis zu klaren, bunten Verzierungen.

Elena Senft
Tattoo-Messe
Tattoos sind längst weg vom Seemann-Image. Heute werden Bilder gestichelt, die man sich auch an die Wand hängen könnte. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wenn Ulf aus Marzahn seiner tschechischen Tätowiererin sagt, die Skizze zu dem neuen Tattoo erscheine ihm doch nicht optimal, bekommt das Thema Sprachbarriere eine völlig ungeahnte Tragweite. Gerade hat sie eine spitze Tintenpistole an seinem Schulterblatt angesetzt, und nun folgt eine holprige englischen Diskussion, an deren Ende Ulf dann doch abwinkt: „Komm is jut jetze.“ Das fliegende Einhorn bleibt wie gehabt.

150 Künstler aus der ganzen Welt hatten von Freitag bis Sonntag in der Arena ihre Stände aufgebaut, es gab mehr zu sehen als schnöde Arschgeweihe, und es ließ sich ein eindeutiger, geschlechtsspezifischer Trend ausmachen: Männer neigen, was Tätowiermotive angeht, zu düsterer Mystik, Frauen bevorzugen klare, bunte Verzierungen. So lässt sich der Schwede Johan einen grinsenden, düsteren Teufel auf den Rücken tätowieren, während das Bein der Londonerin Edyta ein einziger bunter Obst- und Gemüsekorb mit Artischocken, Äpfeln, Knoblauch und Orangen ist.

Auf der Tattoo-Convention kann man nicht viel Klimbim kaufen. Ein paar Piercingstecker vielleicht, Ledercorsagen, Tattoo-Pistolen und T-Shirts. Die Aussteller sind Ausstellungsmaterial genug. Sie zeigen, was es an ihren Ständen gibt. Vor den Motivbüchern der exotisch-bunten Tätowierungen am Stand einer chinesischen Künstlerin oder dem Stand einer alteingesessenen deutschen Tätowierstube lassen Männer die Hosen runter und Frauen krempeln die Hosenbeine hoch. Unentschlossene stehen daneben und gucken zu, wie die Künstler konzentriert mit summenden Pistolen Bilder in die Haut malen. Viele allerdings wissen genau, was sie wollen. Denn sie nutzen die Messe, um einen Termin beim persönlichen Lieblingstätowierer etwa aus Thailand oder Frankreich zu bekommen.

Der Andrang zur Tattoo-Convention steigt stetig, die Veranstaltungshallen wurden im Laufe der Jahre immer größer. 1991 fand die erste Convention in einem kleinen, heruntergekommenen Rockerladen in der Oranienstraße statt. Diese Klientel spiegelte auch die Tattoo-Szene wider. Tätowierungen hatten damals noch etwas Knastbruderhaftes, Rockermäßiges. Man dachte an Anker auf dem Arm und an Herzen mit „Mom“. Heute geht es um Kunst. Um bunte Motive, so kunstvoll, dass man sie als gemaltes Bild zu Hause aufhängen könnte

Viele der Tätowierten sind nach wie vor Exoten: Hier tragen die Frauen ein obligatorisches Piercing in der Nasenscheidewand und zelebrieren sich als lebendes, buntes Kunstwerk. Und die Männer zeigen sich gegenseitig den tätowierten Hals, einvernehmlich als schmerzempfindlichstes Tattoo-Körperteil anerkannt, als Zeichen dafür, dass sie auch vor schlimmen Schmerzen nicht zurückschrecken.

Aussagekräftiger aber als die Exoten sind vielleicht diejenigen Besucher, die fast gar nicht auffallen. Denn sie machen vielleicht die treffendste Aussage über Tätowierungen heute. Menschen, die Brillen und normale Frisuren tragen, die kleine Kinder dabei haben und erst mal die Krawatte abnehmen müssen, bevor sie den Oberkörper zum Tätowierakt freilegen können. Denn Tattoos sind heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die treffendste Formulierung hierfür steht auf einem T-Shirt, am Stand gleich hinter dem Eingang zur Tattoo-Convention: „Meckern Sie nicht über Tattoos – Sie wissen nicht, was Ihr Chef drunter trägt.“

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