Temporäres Denkmal : Raststätte Dreilinden: Respekt gezollt

Fensterscheiben sind eingeworfen, die rote Farbe blättert ab und rund um den großen zylinderförmigen Bau an der Avus sprießt das Unkraut. Dieses Wochenende wird die Raststätte Dreilinden zu einem begehbaren Ort der Kunst.

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Ein bisschen retro, ein bisschen American Way of Life: Die verfallene Raststation am ehemaligen DDR-Kontrollpunkt Dreilinden soll zu einem Diner ausgebaut werden. Vor dem großen Umbau lenkt die Fotoausstellung "In Transition. Das Dreilinden-Projekt" den Blick auf das Design und die Architektur der Gebäude.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Eva Castringius
27.10.2010 16:51Ein bisschen retro, ein bisschen American Way of Life: Die verfallene Raststation am ehemaligen DDR-Kontrollpunkt Dreilinden soll...

Der Dornröschenschlaf ist fast vorbei. Noch steht die Raststätte Dreilinden am einstigen alliierten Kontrollpunkt Checkpoint Bravo in Nikolassee so verlassen wie in den letzten acht Jahren. Fensterscheiben sind eingeworfen, die rote Farbe blättert ab und rund um den großen zylinderförmigen Bau an der Avus sprießt das Unkraut. Schon im nächsten Jahr soll sich das ändern und hier, wo früher Transitreisende zwischen West-Berlin und Westdeutschland stundenlang auf die Genehmigung zur Weiterfahrt warteten und zuletzt Zollbeamte ihre Arbeit verrichteten, ein amerikanischer Diner entstehen. An diesem Wochenende gibt es voraussichtlich die letzte Möglichkeit, das denkmalgeschützte Gebäude in seinem Originalzustand zu betreten. Denn die Berliner Künstlerin Eva Castringius setzt dem symbolträchtigen Ort mit ihrer Installation „In Transition. Das Dreilinden-Projekt“ ein temporäres Denkmal.

Viel zwischen Los Angeles und Berlin unterwegs, hat die Fotografin und Malerin vor allem das Amerikanische der bunten, großzügigen, komplexen und an einen Hang gebauten Architektur gereizt. „Man könnte sich Dreilinden tatsächlich gut in den Hollywood Hills vorstellen“, sagt Castringius.

Als sie das Gebäude vor einigen Monaten erstmals allein betrat, war ihr im kalten Neonlicht ein wenig mulmig zumute. Assoziationen aus Science-Fiction-Filmen wie Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ tauchten angesichts der menschenleeren und maroden, durch viele runde und grafische Elemente futuristisch wirkenden Einrichtung auf. Dieses unheimliche Moment spiegelt sich auch in Castringius Kurzfilm „Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau?” wider, der Teil ihrer Ausstellung ist. Darüber hinaus zeigt sie im ersten Obergeschoss mehrere Gemälde, die Fotoserie „Warten“ sowie eine Installation, die das zylindrische Treppenhaus miteinbezieht. Das komplette Gebäude, das Anfang der siebziger Jahre vom Architekten Rainer G. Rümmler entworfen wurde, ist aber auch an diesem Wochenende nicht zu besichtigen.

Eva Castringius stand als Kind und junge Frau oft selbst in den Reihen der Wartenden, die nach West-Berlin oder weiter in die DDR zu Verwandten reisen wollten. „Ich kann mich an die langen Kontrollen und die knurrenden Schäferhunde noch gut erinnern“, sagt die gebürtige Münchnerin, die seit 1992 im östlichen Teil Berlins wohnt.

Mit ihrem Projekt will sie ein Stück Stadtgeschichte einfangen und es später soweit verändern, dass es als Gesamtkunstwerk auch an anderen Orten gezeigt werden kann, wenn in Dreilinden längst die Burger dampfen.

An diesem Samstagabend gibt es in einer kleinen ehemaligen Lounge des „Raumschiffes“ auch Musik. „Vor allem viele Auto-Songs“, sagt Eva Castringius, die dafür Songs von so unterschiedlichen Künstlern wie Depeche Mode, Janis Joplin, Radiohead oder Bruce Springsteen auflegen will. Grenzen gibt es schließlich in Dreilinden bekanntlich schon lange nicht mehr. Eva Kalwa

Die Ausstellung ist nur an diesem Sonnabend von 15 bis 21 Uhr (ab 21 Uhr Musik) und am Sonntag von 11 bis 20 Uhr geöffnet. In der Potsdamer Chaussee 61a, von der Chaussee den Schildern zum „Zollamt Dreilinden“ folgen. Eintritt frei. Weitere Infos unter www.evacastringius.de.

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