The Promised City : Die Kiss-Erfahrung

Lukasz Kaminski schreibt normalerweise für die polnische Tageszeitung "Gazeta Wyborcza". Im Rahmen des Projekts "The Promised City" ist er Gast beim Tagesspiegel und beschreibt, wie er Berlin erlebt. Diesmal schwärmt er von Kiss.

Lukasz Kaminski
Lukasz Kaminiski schreibt über sein Berlin.
Lukasz Kaminiski schreibt über sein Berlin.Foto: Thilo Rückeis

"Ihre Kleidung sieht lächerlich aus, die Bühnenshow ist kitschig, und ihre Songs klingen immer gleich – zumindest die meisten". Das sind die Worte einer Ungläubigen. Eines Menschen, der einfach nicht versteht, wie großartig Kiss sind. Es sind die Worte meiner Freundin, die ich am Mittwochabend zum Kiss-Konzert in die O2-Arena geschleift habe. Ich habe 31 Jahre darauf gewartet, Kiss live zu sehen. In den neunziger Jahren hätten sie beinahe einmal in Warschau gespielt. Zu meinem größten Bedauern lief damals aber leider der Kartenverkauf ziemlich schlecht, und das Konzert wurde abgesagt. Überlegen Sie sich das mal, 31 lange Jahre.

Nach einer so langen Zeit erwartet man entweder gar nichts mehr von einem solchen Auftritt, oder man glaubt, er wird das eigene Leben verändern. Ich habe mich als Sechsjähriger in Kiss verliebt. Ich fand die Musik gut, doch am meisten hat mich damals wohl das Aussehen der Band fasziniert, die ganze Aura, die sie umgeben hat, und diese Kiss-Mythologie. Sie sahen aus wie die Helden aus einem japanischen Science-Fiction oder Fantasy-Film. Sie waren besser als Godzilla und sahen so aus, als könnten sie Superman jederzeit in den Hintern treten. Sie waren definitiv nicht von dieser Welt. Und sind es bis heute nicht.

Aber ok, wenn man es aus der Perspektive meiner Freundin betrachtet, dann sind die Shows traurig und dumm. Pauls Stanley und Gene Simmons sind ungefähr 60 Jahre alt, trotzdem treten sie noch mit diesem ganzen Make-up auf und tragen, tanzen und springen in diesen hohen Plateau-Schuhen. Sie benehmen sich wie Teenager, aber man muss nicht besonders nah an sie herangehen, um zu sehen, dass sie ganz und gar nicht mehr jung sind.

Aber ich denke, dass die meisten Besucher – abgesehen von einigen Zynikern – in der O2-Arena keine vier lächerlichen Opas auf der Bühne gesehen haben, sondern vier Musiker aus dem Weltall, die noch immer fantastische Musik machen. Am Mittwoch haben Kiss viele alte Songs gespielt. Um ehrlich zu sein war es eher ein "Best of"-Gig als die Präsentation des neues Albums "Sonic Boom". Ich will mich darüber gar nicht beschweren, denn so sehr ich die neuen Songs genossen habe, so sehr wollte ich auch die alten hören: "Cold Gin", "Black Diamond", "100.000 years", "Detroit Rock City", "Love Gun" und viele mehr.

Hat sich das Warten denn nun gelohnt? Ja!! Es hat mein Leben zwar nicht verändert, aber ich hatte tatsächlich eine Gänsehaut. Es war wie eine Reise zurück in meine Jugend: sentimental und gefühlvoll zugleich.

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