The Promised City : Teil eins –  die Einleitung

Lukasz Kaminski schreibt normalerweise für die polnische Tageszeitung "Gazeta Wyborcza". Im Rahmen des Projekts "The Promised City" ist er Gast beim Tagesspiegel und beschreibt, wie er Berlin erlebt.

Lukasz Kaminski
Lukasz Kaminiski schreibt über sein Berlin.
Lukasz Kaminiski schreibt über sein Berlin.Foto: Thilo Rückeis

Wenn man den Zug nimmt, liegen zwischen Berlin und meiner Heimatstadt Warschau nur sechs Stunden. Die Städte sind eigentlich nah bei einander – und gleichzeitig doch weit voneinander entfernt. Falls dieser Widerspruch für Sie, liebe Leser, zu abgedroschen klingt, dann müssen Sie mich entschuldigen. Ehrlich gesagt fühlt es sich für mich eher so an, als ob ich ein Raumschiff zu einem fremden Planeten genommen hätte.

Als ich am Berliner Hauptbahnhof ausgestiegen bin, hatte ich das Gefühl, in einer anderen Dimension zu sein. So ein „Matrix“-Gefühl. Die Uhren gingen plötzlich langsamer. Und die ganze Verantwortung, die ich sonst in meinem alltäglichen Leben habe, verschwand. Das fühlt sich ziemlich gut an.. Ich bekomme dieses Gefühl immer, wenn ich nach Berlin reise – drei- bis viermal im Jahr. Seit Mitte der neunziger Jahre komme ich regelmäßig in diese Stadt. Weil ich ein Stadtjunge bin , genauso, wie ich das Land mag, den Wald und die Seen.

Ich komme hauptsächlich nach Berlin, um mir kulturelle Ereignisse anzusehen, Konzerte und Ausstellungen. Aber seit kurzem nehme ich in Berlin mehr wahr als Musik und Kunst. Für mich ist Berlin eine Art Disneyland für die Thirty-Somethings (ich selbst werde bald 37). Wenn ich durch Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain laufe, dann treffe ich dort Menschen aus der ganzen Welt. Die meisten von ihnen sind glücklich und entspannt. Ich sehe die ganze Zeit Menschen, die Spaß haben. Ich höre verschieden Sprachen. In den Bars, Galerien, Clubs und Läden werden Dinge angeboten, die ich in Warschau normalerweise nicht bekommen kann.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich sage nicht, dass meine Heimatstadt nichts zu bieten hätte. Im Gegenteil! Warschau ist in Bewegung, es vibriert, ist laut, hip, explodierend und schnell. Ich gebe zu, ich liebe diese Stadt – wie verrückt. Es ist keine einfache Liebe, aber welche Liebe ist schon einfach? Man könnte mich beinahe mit einem Fußballfan vergleichen.

Die Internetseite TripAdvisor.com hat vor ein paar Jahren eine Umfrage veröffentlicht, der zufolge Warschau eine langweilige Stadt ist. Zwar ein bisschen weniger langweilig als Brüssel, aber genauso ermüdend wie Oslo, Zürich und Zagreb. Beim ersten Lesen hat mich das ziemlich wütend gemacht. Ich setzte mich an meinen Computer und war dazu bereit, dieses Reiseportal zu zerschmettern und in Stücke zu reißen. Dass Warschau dreckig ist und das Leben dort sehr teuer, das ist schon richtig. Aber nicht, dass die Stadt langweilig ist.

Das bedeutete Krieg. Aber dann beruhigte ich mich. Und begann, gemeinsam mit einem befreundeten Kollegen einen alternativen Stadtführer zu schreiben. In den dann auch alle Plätze und Dinge hineinkamen, von denen die Leute von Trip Advisor keine Ahnung haben. Durch diese Geschichte habe ich etwas Wichtiges gelernt: Ich hätte Berlin niemals so sehr genossen, wenn ich es nicht selbst und für mich entdeckt hätte.

Ich kann mich nur wiederholen: Ihre wundervolle Stadt ist wie ein kleines Utopia. In dem man dem Alltag ein wenig entfliehen kann. Aber ein Utopia, dass nur dann richtig sinnvoll ist, wenn es nicht länger anhält als ein paar Tage.. Denn eigentlich würde doch niemand in Disneyland leben wollen. 

Was ich mich jetzt frage, ist: Wo suchen junge Berliner eigentlich ihr Utopia?

Übersetzt von Rita Nikolow

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