THEKEN Tanz : Pianobar

Frank Jansen

Sie heißt Nicole Bolze und ist vom Restaurantführer „Gault Millau“ zur Barkeeperin des Jahres 2007 gekürt worden. Ihr Reich ist die Pianobar im Steigenberger Hotel nahe dem Kurfürstendamm, Frau Bolze hat also viel mit Touristen zu tun – die in der Masse eher das Trinkniveau senken. Wenn Nicole Bolze es trotzdem geschafft hat, die Juroren des „Gault Millau“ zu überzeugen, und damit sogar in die Fußstapfen von Stefan Weber (Victoria Bar) tritt, der 2001 zu Deutschlands bestem Jahres-Keeper ernannt wurde, muss sich die Trinkstätte im Steigenberger gesteigert haben. Beim letzten Besuch des drinking man, immerhin zwölf Jahre her, war eher das in Berliner Hotelbars (zumindest damals) übliche Mittelmaß zu erleben. Aber da agierte Nicole Bolze weder im Steigenberger noch überhaupt als Barkeeperin. Jetzt war zu hoffen, dass die Pianobar dank der weiblichen Spitzenkraft aus dem mainstream herausragen würde.

Das Mobiliar tut es noch immer nicht. Dicke rötliche Polster, mutmaßlich aus dem Fundus der üblichen Megamöbelhäuser, ein eher unauffälliger Tresen, der Rest lohnt keine detaillierte Beschreibung. Beim Besuch des drinking couple stand neben dem Piano ein Schlagzeug, das ließ grausamen Live-Krach vermuten. Aber er hielt sich in Grenzen: Ein männlich-weibliches Duo intonierte mit viel mimischer Freude am Musizieren „Knockin’ on Heaven’s Door“ und andere Klassiker, das war zu ertragen. Außerdem kam rasch eine sehr nette Servierdame an den Tisch – aber leider überbrachte sie eine traurige Nachricht. Nein, Frau Bolze sei nicht da. Die Gäste könnten aber sofort im Gault Millau alles über die Auszeichnung zur Keeperin des Jahres nachlesen. Rasch schleppte die Servierdame den Restaurantführer herbei und nahm dann die Bestellung auf. Drinking man und compañera fragten sich, ob Frau Bolze ihre Crew so gut geschult habe, dass auch ohne die Meisterin Genuss ohne Reue möglich ist.

Es erschien zunächst eine Bolze’sche Eigenkreation, der Golden Tulip (weißer Rum, Maracuja-Sirup, Vanille-Sirup, Zitronensaft, Pfirsichnektar). Erwartungsgemäß sehr süß, ein richtiges VanilleBömbchen – und durchaus gelungen. Sehr gut war dann sogar der Hurricane, dieselbe Note verdiente der Southern Night (Southern Comfort, Bourbon Whiskey, Ananassaft, Grenadine, Zitronensaft). Die compañera orderte noch einen Strawberry Daiquiri „ohne Alkohol“, sozusagen einen Daiquiri ohne Daiquiri. Es wurde ein leckerer, farbensatter virgin drink gebracht. Alle Cocktails waren üppig mit Früchten dekoriert. So verwahrten sich die Mixgetränke auch optisch gegen die Langeweile des Interieurs.

Chapeau, Frau Bolze. Der Gault Millau hat nicht geirrt. Über Steigenbergers Innenarchitekten wollen wir allerdings schweigen. Frank Jansen

Pianobar, im Steigenberger Hotel, Los-Angeles-Platz 1, Charlottenburg, Tel.: 21 270, geöffnet montags bis samstags von 9 bis 2 Uhr, sonntags bis 0 Uhr

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