THEKEN Tanz : Würgeengel

Frank Jansen

Die Barszene in Kreuzberg wurde in den vergangenen Jahren ganz schön durchgeschüttelt. Neue Etablissements mit intelligenten Konzepten, als Beispiele seien das Kirk am Schlesischen Tor und die russisch angehauchte Bellman-Bar in der Reichenberger Straße erwähnt, frischten das unsterblich scheinende Alt-Punk-Revoluzzer-Milieu auf, das vor allem den SO-36- Kiez dominiert. Schänken wie Madonna, Morena und Wild at Heart sind ja Bastionen für die Ewigkeit. Sie werden wahrscheinlich erst fallen, wenn Berlin einem japano-chinesischen Großreich einverleibt wird. Das kann noch ein wenig dauern, derzeit muss in Kreuzberg niemand auf Vorrat trinken.

Ein Phänomen allerdings ragt aus dieser old-school-meets-newcomer-society heraus: der Würgeengel. Auch alt, aber immer auf einem höheren Niveau als alle anderen, sieht man vielleicht von der Haifisch-Bar ab und von der Bar Nou. Der Würgeengel ist ein Kreuzberger Heiligtum. Begeben wir uns zum Abendmahl.

Die Milchglasdecke, gold eingerahmt. Der schwere, dunkle Holztresen. Der Lüsterleuchter. Die reizende Servierdame. Die Karte mit vielen Drinks und diversen Tapas. Dieses ganze, leicht zorromäßige Ambiente, das zum Trinken verführt, zum Schwadronieren, zu ungewollten und dann doch wiederholten Blickgefechten. Der Name. Der Name! El Angel Exterminador, noch viel schöner als die deutsche Übersetzung „Würgeengel“ und im Lokal auch zu finden, als Hommage an Luis Buñuel. Aber vielleicht würde diese Bar von Unkundigen für irgendein argentinisches Steakhaus gehalten, hieße sie El Angel Exterminador. Wer weiß. Jedenfalls sei Oliver Schupp gedankt, der das Lokal 1992 eröffnete, später die Bellman-Bar und nun das Schöneberger Elsass-Restaurant „Storch“ übernommen und unter dem Namen „Renger-Patzsch“ revitalisiert hat.

Der drinking man und eine aficionada tranken, sagen wir mal, so amüsiert wie konzentriert. Die schon erwähnte, charmante Servierdame, die mit den stolzen Langschurz-Keepern den Würgeengel im Griff behält, brachte einen Gin Fizz (gut als Start), einen Gimlet (noch besser als Auftakt), einen ultratomatigen Bloody Mary, einen Gin Tai mit überraschend wenig Mandelsirup und deshalb einer schwächeren B-Note, einen gelungenen Singapore Sling und einen Gin Sour, an dem nichts zu beanstanden war.

So hätte das noch stundenlang weitergehen können, wäre nicht allmählich die Contenance-Grenze zu ahnen gewesen. Aber wer benimmt sich schon in einem Heiligtum daneben. Selbst wenn es mitten im rausch-und-rumpelseligen Kreuzberg liegt. Frank Jansen

Würgeengel, Dresdener Straße 122, Kreuzberg, Tel.: 615 55 60, tägl. ab 19 Uhr

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