Thekentanz : Times Bar

Vor dem Besuch einer alten, klassischen Bar überkommt den drinking man manchmal Skepsis. Vor allem, wenn hier der letzte Cocktail vor langer Zeit genossen wurde. Ist es noch so wie früher?

Frank JansenD

 Solch melancholisches Mißtrauen kroch durch den Kopf, als sich der drinking man, Jahre nach dem letzten Besuch, mit einem compañero in der Times Bar verabredete.

Das Lokal im Savoy Hotel war immer ein Klassiker, wenn auch der Einbau eines begehbaren Humidors, „Casa del Habano“ genannt, vor etwa zehn Jahren ein wenig die altenglische Club-Atmosphäre getrübt hatte. Trotzdem: Ein Besuch musste gewagt werden.

Der erste Eindruck: Qualm. Hier wird ungehemmt Zigarre geraucht. Warum auch nicht, die Bar wird ja auf der gläsernen Durchgangstür zur Rezeption des Savoy Hotels als „Smokers’ Lounge“ tituliert. Trotz der Rauchsäulen und -kringel war aber zu erkennen, dass der wunderbar altmodische Tresen, die geschwungene Holzdecke, die tiefen braunen Clubsessel aus Leder und die Schwarzweiß-Fotos von Prominenten wie Herbert von Karajan und Hansjörg Felmy noch da sind. Der drinking man fühlte sich wohl.

An dieser Stelle sei in Erinnerung gerufen, dass die Bar seit mehr als 50 Jahren existiert, also die Nikotin-Patina sowieso nicht mehr zu beseitigen ist. Der freundliche Keeper-Kellner brachte einen White Lady (Gin, auf speziellen Wunsch war es Tanqueray; Cointreau, Zitrone), der genauso wie der Carmencita (Rum, Cassis, Triple Sec, Zitrone, Orange, Ananas, Grenadine) trotz des lieblich femininen Namens brüllte – vor Kraft. Sollte der Alkohol erreichen, was der Qualm nicht geschafft hatte: zwei Herren mittleren Alters zu vertreiben? Die Antwort konnte nur lauten: Jetzt bleiben wir erst recht. Geordert wurden ein Alabama Slammer (Wodka, Southern Comfort, Orange, Ananas, Zitrone, Grenadine), der prompt erfrischend leicht daherkam, und ein Planter’s Sunshine Punch (Rum, Orange, Ananas, Kokos, Sahne, Grenadine), der dem Slammer nicht nur farblich, sondern erstaunlicherweise auch aromatisch enorm ähnelte. Und dann bestellte der drinking man eine Zigarre.

Der Keeper verschwand im Humidor, brachte eine „El Rey del Mundo Grandes de España“. Fast 20 Zentimeter lang, extrem fest gerollt. Leider gab’s nur kleine Streichhölzer. Über den dann noch genossenen Gimlet (wieder mit Tanqueray) und den Gin Fizz lässt sich sagen: stark und stolz. Irgendwie ähnlich verließen drinking man und compañero irgendwann die Bar. Und bereuten nichts. Frank Jansen

Times Bar, Savoy Hotel, Charlottenburg, Fasanenstr. 9/10, Tel.: 311 03 333, tägl. ab 11 Uhr, So keine Zigarrenberatung

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