Stadtleben : Tipps für Topfarbeiter

Kochkurse boomen in Berlin. Warum das gemeinsame Lernen am Herd glücklich macht – und warum Ingwer zurzeit so beliebt ist

Dorothee Schmidt

Beim Kochkurs von Cristiano Rienzner bleibt der Herd meist kalt. Dabei werden im Laufe des Abends 15 Gänge zubereitet. Schaum von Gurke. Goldene Fäden aus Olivenöl. Eine geleeartige Membran, gefüllt mit schwarzem Tee, in dem ein Stück Zitronensorbet schwimmt. Bekannte Aromen in neuer Verpackung – das ist die Grundidee der Molekularküche. Cristiano Rienzner und sein Team nutzen Geliermittel aus Algen oder Mais, um die Strukturen der Lebensmittel spielerisch zu verändern. Dieses Wissen geben sie in Workshops an ambitionierte Hobbyköche und Profis weiter.

Kochkurse boomen in Berlin. Kein Abend vergeht, an dem nicht in Kochstudios und Lehrküchen geschnipselt, gebraten und gerührt wird. Und die Nachfrage steigt ständig. „Die Leute sind begeistert vom Kochen und noch immer nicht satt von den Kochshows im Fernsehen“, meint Maria Blisse aus der Kochschule Culiartis.

Früher haben die Berliner den Umgang mit Elektrogeräten und das Kochen auch in den Lehrküchen der Bewag gelernt. 10 000 Berliner haben noch 1998 dort Kurse besucht. Als die Lehrküchen Ende der neunziger Jahre geschlossen wurden, füllten private Kochschulen die Marktlücke. Als Brit Lippold im Jahr 2001 ihre Schule „Kochlust“ in der Alten Schönhauser Straße eröffnete, habe es nur eine Handvoll Studios gegeben, sagt sie. „Danach explodierte die Angelegenheit förmlich und nun gibt es im Umkreis von 500 Metern vier andere Kochschulen.“ Anke Meiswinkel, die früher bei der Bewag arbeitete, gründete gemeinsam mit einer ehemaligen Kollegin die „Cookeria“ in Charlottenburg. Sie habe viele Kunden aus der Bewag-Zeit in ihrem neuen Kochstudio wiedergetroffen, sagt Meiswinkel. „Aber jetzt steht der Spaß am Kochen im Vordergrund, nicht mehr der richtige Einsatz der Geräte.“ Energiespartipps gibt es trotzdem noch von ihr.

Die Konzepte der Kochstudios sind unterschiedlich. Das „Slow“ in Prenzlauer Berg ist zum Beispiel ein Wein- und Feinkostladen mit Kochstudio, das „Kochlust“ ist eigentlich ein Kochbuchladen mit Küche und Esszimmer. Manche Schulen verkaufen vor Ort die Produkte, mit denen sie kochen. Und das „Biolüske“ in Lichterfelde ist ein Biosupermarkt in einem alten Kino, dessen Empore nun zur Küche umgebaut ist. Dazu gibt es natürlich die reinen Kochstudios: Mal dürfen die Schüler dort in Hightechmarkenküchen mit edlen Messern und schicken Töpfen hantieren, mal soll es genauso sein wie zu Hause, damit die Teilnehmer die Gerichte gut nachkochen können. Und während sich manche Anbieter – wie Cristiano Rienzner mit seiner Molekularküche – auf außergewöhnliche Gerichte spezialisiert haben, kann man bei anderem Basiswissen erlernen.

Den Teilnehmern geht es nicht nur darum, neue Rezepte kennenzulernen. Beim Single-Kochkurs im „Culiartis“ bilden je ein Mann und eine Frau ein Kochteam und hoffen, dass die Leidenschaft zu köcheln beginnt. „Die Möglichkeit, dabei den Richtigen zu finden, ist klein“, gibt Chefin Maria Blisse zu. „Aber es ist angenehm, einen Abend mit anderen Singles zu verbringen und neue Leute zu treffen.“ Zum Kurs „Aphrodisisch Kochen“ bei Kochlust kommen die Schüler meist schon zu zweit. Köchin Martina Tschirner erzählt ihnen etwa, dass Zwiebeln das Blut in Wallung bringen. Vor allem junge Paare schälen dort Sellerie und lassen Birnen in Rosmarin-Honig- Sud ziehen. Die Zutaten sollen anregend wirken. Aber Wunder dürfe man nicht erwarten. „Die wichtigste Zutat ist die Liebe“, sagt die Köchin. Gerade in der Vorweihnachtszeit boomt das Geschäft, denn Firmen haben Kochkurse als charmante Art der Weihnachtsfeier entdeckt.

Für private Kochpartys kommt Anita Printz auch zu den Gastgebern nach Hause, um mit ihnen ayurvedisch zu kochen. Damit nach dem Essen Körper, Geist und Seele glücklich sind, orientiert sie ihr Programm am Wetter. „Bei Wind sind die Leute hektisch, da mache ich etwas Sanftes, das die Leute erdet“, sagt Anita Printz. Kartoffeleintopf zum Beispiel. Und jetzt wieder ganz wichtig: Gegen die Berliner Kälte hilft Ingwer.

Nicht jeder kann sich die Kochkurse leisten. Durchschnittlich 60 Euro kostet ein Abend. In einem Luxusrestaurant zahlt man mehr als 200 Euro dafür, bei einem Meisterkoch in die Lehre zu gehen. Die Berliner Volkshochschulen sind eine preiswerte Alternative. Auch hier klingen Titel wie dalmatinische Küche oder französische Samstagsbäckerei verführerisch. In der Reihe „Jedes Land i(s)st anders“ der Volkshochschule Mitte wird sogar noch eine Portion politische Bildung mitserviert, wenn die Köche am Herd über Land und Leute erzählen. Nur abwaschen muss man hier im Gegensatz zu den Kochschulen am Ende selber.

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