"Tomatenparade" : Eine ziemlich runde Sache

Mit seiner „Tomatenparade“ hilft Hartmut Buchwald Berliner Kindndern, die Vielfalt der Natur zu verstehen.

Klaus Grimberg
Buntes aus der Samentüte. Die jährliche Aufzucht bedeutet für Hobbygärtner Buchwald viel Arbeit - und bringt immer wieder überraschende Kreuzungen mit sich.
Buntes aus der Samentüte. Die jährliche Aufzucht bedeutet für Hobbygärtner Buchwald viel Arbeit - und bringt immer wieder...Foto: Bürgestiftung

Alles begann mit einem unscheinbaren Briefumschlag, den ihm ein Freund aus Südfrankreich mitbrachte: darin eine Auswahl von Tomatensamen, gesammelt auf diversen Märkten der Region. Hartmut Buchwalds Neugier war geweckt. Im nächsten Frühjahr säte er die Mitbringsel in seinem Gewächshaus aus – und war von dem Ergebnis überrascht. Knapp dreißig verschiedene Sorten konnte er im Sommer ernten: Rote, grüne und gelbe, dicke und dünne, runde und längliche, saftige und feste.

Der Berliner ließ Freunde an seinem gärtnerischen Erfolg teilhaben, organisierte auf der heimatlichen Terrasse Tomatenverköstigungen, bei denen die Teilnehmer die Unterschiede in Beschaffenheit und Geschmack zu beschreiben versuchten. Dabei kam ihm die Idee: Was Erwachsenen Spaß macht, daran könnten auch Kinder Freude haben. Schon länger engagierte sich der ehemalige Schering-Mitarbeiter im Projekt „Zauberhafte Physik“ der Bürgerstiftung Berlin. „Also hörte ich auch von Kolja Kleebergs Initiative der Kräutergärten für Berliner Schulen“, erinnert er sich. „Da habe ich vorgeschlagen, diesen Gärten meine Tomatenpflanzen anzubieten und bei Bedarf zu liefern.“

Gleich im ersten Jahr holten sich acht Schulen die von Buchwald vorgezogenen Pflanzen ab, das war im April 2011. Inzwischen hat der 70-jährige Rentner seine „Tomatenparade“ weiterentwickelt und verfeinert. Es ist ein bisschen so wie damals mit dem Umschlag aus Frankreich: Interessierte Schulen bekommen von ihm eine kleine Broschüre mit verschiedenen Samen. Drei solcher Hefte hat er gestaltet, sie heißen „Traditionell“, „Farb- und Formenspiel“ und „Exoten“. In jeder Broschüre sind fünfzehn Sorten mit Fotos und Kurzbeschreibungen aufgelistet. Der Clou am Ende jeder Zeile ist ein kleines Stück eingeklebtes Küchenkrepp, das die Samen der jeweiligen Sorte enthält.

Die Produktion dieser Samenblättchen ist für Buchwald alljährlich eine logistische Herausforderung. „Ich habe nun genau 50 Sorten in mein Programm aufgenommen. Da hilft nur eine genaue Beschriftung, sonst käme ich völlig durcheinander“, erzählt er. Denn unterscheiden lassen sich die Sorten erst an den Früchten, nicht an den Samen oder jungen Pflanzen.
Jeweils die ersten reifen Früchte sind für die Samenproduktion des nächsten Jahres bestimmt. „Meine Frau hat für diese reservierten Tomaten Ernteverbot“, sagt Buchwald lächelnd. Die klebrige Tomatenmasse der Früchte verstreicht er sorgfältig auf Küchenkrepp, das er nach dem Trocknen in jene kleinen Stückchen zerschneidet, die dann in die Broschüren geklebt werden. Viel Arbeit und Fummelei – bei sechzig Heften mit je fünfzehn Sorten.

Das soll bei den Kindern hängen bleiben

Der Lohn für diese Anstrengung sind die ungezählten Tomatenpflanzen, die Jahr für Jahr an Berliner Schulen gedeihen. Als Teamleiter des Schnupperkurses „Zauberhafte Physik“ ist Buchwald Woche für Woche an verschiedenen Schulen unterwegs, einige davon nutzen auch seine „Tomatenparade“. „Dort sehe ich im wahrsten Sinne die Früchte meiner Arbeit“, sagt er, „und das freut mich jedes Mal wieder.“

Denn ganz gleich, ob nun alle Samen angehen, wie gut die Pflanzen wachsen und wie üppig die Ernte ist: Die Kinder lernen, was es bedeutet, Lebensmittel anzubauen und zu erzeugen. „Tomaten entstehen nicht von selbst in einem Plastikschälchen beim Discounter“, sagt Buchwald, „sondern sie sind das Ergebnis eines spannenden Naturvorgangs und eines langen Arbeitsprozesses.“ Wenn ein bisschen von dieser Erkenntnis bei den Kindern hängen bleibe, dann habe seine „Tomatenparade“ ihr Ziel erreicht.

Nicht nur die Bürgerstiftung Berlin hat Buchwald mit seiner Idee überzeugt, auch sein ehemaliger Arbeitgeber ist begeistert. 35 Jahre war der studierte Maschinenbauer im technischen Einkauf bei Schering und später bei Bayer beschäftigt. Jetzt unterstützt die Bayer Cares Foundation sein Projekt durch Zuwendungen an die Bürgerstiftung. So erhalten Schulen nicht nur die Broschüren mit den Samen, sondern auch diverse Arbeitsmaterialien für die Aufzucht der Pflanzen.

Derweil bereitet sich Buchwald auf die neue Tomatensaison vor. Auch für ihn bringt die jährliche Aufzucht immer neue Überraschungen. Etwa die Sorte 9a: eine olivfarbene Birnentomate, nicht anders zu erklären als die – unbeabsichtigte – Kreuzung der Sorten 9 (gelbe Birnentomate) und 24 (olivfarbene Partytomate). Die Natur geht eben ihre eigenen, mitunter rätselhaften Wege.

Den zufälligen Zuchterfolg belässt Buchwald als Besonderheit in seinem Programm. Manchmal tauscht er auch die eine oder andere Sorte aus. Grundsätzlich aber gilt: „50 Sorten sind genug“, so der Hobby-Züchter, auf dessen sommerlichem Speiseplan ohnehin schon sehr viel Tomate steht – in allen möglichen Variationen. Neuerliche Reisemitbringsel mit vermeintlich „interessanten Neuheiten“ haben vorerst keine Chance: Bei der „Tomatenparade“ herrscht Aufnahmestopp.

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